eco_Kongress_2013_2

eco Kongress: Zeit für Visionäre in Köln

Nicht nur der Blick ins Innere des RheinEnergieStadions war ein Highlight, das Programm beim eco Kongress am 17. April in Köln war es auch. Unter dem Motto „Zeit für Visionäre“ wurde den mehr als 200 Teilnehmern ein abwechslungsreiches Potpourri an Themen von ausgewiesenen Experten geboten. Und in den Pausen bot sich die Gelegenheit, bestehende Kontakte aufzufrischen oder neue zu schließen.

Nach der Begrüßung durch eco Geschäftsführer Harald A. Summa eröffnete die Digitaltherapeutin Anitra Eggler mit ihrer Keynote „Überkommuniziert, aber uninformiert?“ den Kongress. Humorvoll und anschaulich führte sie den Teilnehmern die Schattenseite des Umgangs mit der modernen Kommunikation vor Augen: E-Mail-Lawinen, Facebook-Sucht und sinnloses Surfen bringen häufig nicht nur einen erheblichen Verlust an Lebensqualität mit sich, auch die Arbeitsleistung nimmt drastisch ab. Ihre zehn Erste-Hilfe-Tipps gegen den E-Mail-Wahnsinn kamen entsprechend gut beim Auditorium an.

Die erste Podiumsdiskussion behandelte anschließend das Thema IT-Fachkräftemangel: Die EU-Kommission sieht im IT-Sektor mittlerweile rund 700.000 unbesetzte Stellen und befürchtet aufgrund dessen eine sinkende Wettbewerbsfähigkeit bei Europas Wirtschaft. Einigkeit herrschte unter den Diskussionsteilnehmern, dass es heute nicht mehr genügt, eine Stellenanzeige zu veröffentlichen, um viele geeignete Kandidaten zu finden. Vielmehr spiele heute Social Recruiting eine entscheidende Rolle. Dr. Hans-Christoph Kürn (Siemens AG) beschäftigt mittlerweile drei Mitarbeiter, die sich nur mit der Identifizierung geeigneter Kandidaten (Sourcing) im Netz beschäftigten. Auch der Einsatz eigener Mitarbeiter als Headhunter setze sich immer weiter durch, berichtete Michael Blazek (JobCrowd). Für entsprechende Empfehlungen würden bis zu vierstellige Prämien bezahlt. Lucia Falkenberg (DE-CIX) fasste zusammen, es gebe nicht das Tool für effektives Recruiting, vielmehr sei heute ein Mix in Abhängigkeit von der jeweiligen Stelle gefragt.

Crowd Sourcing und Big Data

Nach einer Pause teilte sich das Programm in zwei Tracks auf: In das Thema Crowd Sourcing führte Claudia Pelzer (CrowdsourcingBlog.de) ein. Mit diversen Beispielen zeigte sie die praktische Anwendung und erklärte, was sich durch den Einsatz ändert. So gebe es neue Wege des Umgangs, mehr Transparenz und Anerkennung gewinne als Währung an Bedeutung. Gleichzeitig warnte sie: „Crowd Sourcing ist mehr Arbeit, als viele denken.“ Mit der eigenen Marke „Premium“ zeigte anschließend Uwe Lübbermann, wie Crowd Sourcing zu einer gänzlich neuen Unternehmensstruktur und -kultur führen kann. Seiner Überzeugung nach sind die stabilen Marken der Zukunft stringent, konsistent, opensource, mitgesteuert und filterlos. Crowd Funding als neue Finanzierungsform für junge Unternehmen präsentierte Jens-Uwe Sauer (Seedmatch). Gegenüber klassischer Risiko-Finanzierung sah er vor allem Vorteile durch den Pitch des Projekts vor einer größeren Öffentlichkeit und den damit verbundenen viralen Effekt.

Den Track zum Thema Big Data eröffnete Holger Düwiger (Neofonie). Er wies darauf hin, dass das immens gestiegene Datenaufkommen, bei dem inzwischen Zetabytes an Daten bewältigt werden müssen, hohe Anforderungen sowohl an die Infrastrukturen als auch an die Fachkräfte stelle. Michael Frey (Frey International Business Consulting) erklärte, dass beispielsweise Unternehmen unterschiedlicher Größe unter dem Begriff Big Data unterschiedliche Größenordnungen verstünden. Er plädierte in seinem Vortrag dafür, dass der Nutzen bei der Datensammlung im Vordergrund stehen müsse. Die Zukunft sieht er in Cloud Services, durch die sich die Unternehmen eine eigene Infrastruktur sparen könnten. Einen positiven Effekt in Verbindung mit den größeren Speicherkapazitäten und Bandbreiten sah Christoph Lannert (TeliaSonera International Carrier Germany) in den neuen Anwendungen, die dadurch erst ermöglicht werden, beispielsweise Fernsehen auf einem Mobilgerät, aber auch noch gänzlich unbekannte Anwendungen.

Michael Melcher (BCC Business Communication Company) brachte mit dem Warensystem von Amazon ein Beispiel dafür, dass Big-Data-Lösungen auch geschäftlichen Mehrwert schaffen. Er ist sich sicher: „Das exponentielle Wachstum wird weitergehen und eher noch steiler werden.“ In der Podiumsdiskussion waren sich alle vier Teilnehmer einig, dass dieser Zuwachs bei Datenaufkommen und Traffic, der momentan eine Verdoppelung alle zwei Jahre bedeutet, in den kommenden Jahren kein Problem darstellen werde. Es gebe noch viele ungenutzte Kapazitäten und der technische Fortschritt gehe ebenfalls weiter. Dafür sahen die Experten in der Nutzung der Daten viel Potenzial und die Möglichkeit zu neuen Geschäftsmodellen – sei es bei der Datensammlung und -auswertung oder bei der Verschleierung beziehungsweise Verschlüsselung von Daten, die nicht transparent sein sollen. Insgesamt sei Big Data für Unternehmen interessant, um ihre Kunden wirklich kennenzulernen und zu verstehen.

Start-up-Arena und M2M

Im Anschluss an die Mittagspause öffnete die Start-up-Arena: Zunächst stellte Dr. Tanja zu Waldeck die Erfolgsgeschichte ihres Unternehmens NetMoms vor. Wichtig für den Erfolg von Start-ups sei unter anderem die Diversität der Gründer trotz gleicher Einstellung oder Ideen zur Rollenverteilung. Zudem sei es entscheidend, den Rollenwechsel vom Gründer zum Manager zu vollziehen und auf schnelles Wachstum zu setzen sowie eine nachhaltige Profitabilität anzustreben. Sie riet dazu, besonders dem Vertrieb Beachtung zu schenken und warnte vor häufig kontraproduktivem Perfektionismus.

Nach dem Vortrag durften acht junge Unternehmer in einem 60-Sekunden-Vortrag der vierköpfigen Jury ihre Idee samt Geschäftsmodell vorstellen. Im Anschluss mussten sie sich einer kritischen Fragerunde durch André Burchart (Iris Capnamic), Ole Kebbel (High-Tech Gründerfonds), Jens-Uwe Sauer (Seedmatch) und Harald A. Summa (eco) stellen. Bei den sehr abwechslungsreichen Präsentationen konnte sich am Ende OnPage.org durchsetzen.

Bei M2M (Machine-to-Machine) ist die Sicherheit ein ganz großes Thema. Den Anfang bei den Kurzvorträgen machte Annika Strobel (escrypt) mit dem Hinweis, dass die vielen Schnittstellen, die ein modernes Auto nach außen hat, allesamt ein potenzielles Risiko für einen Angriff darstellen. So lasse sich die Kommunikation etwa von Verkehrsdaten ans Navigationsgerät, von einer Leistelle an einen Rettungswagen oder zum Umschalten von Ampeln angreifen oder nachahmen. Ebenso ließen sich konstruierte Nachrichten ans Auto übermitteln, etwa um eine Vollbremsung auszulösen oder Gas zu geben. Auch die Funktechnik von Autoschlüsseln sei angreifbar. Es gebe aber schon gute Sicherheitstechnologien, die Autohersteller implementieren können.


Auf großes Interesse beim Auditorium stieß auch der Vortrag von Stefan Bergler (Telefónica Germany) zum Thema „Intelligent Fahren und Sparen“. Er stellte Lösungen zum Flottenmanagement und zur Versicherungstelematik vor. So könnten in einer gesamten Fahrzeugflotte Telematikeinheiten eingebaut werden. Anhand der Daten könnte die Zentrale dann die Flotte effektiver steuern und Maßnahmen zum Spritsparen ergreifen. Eine eingebaute Telematikeinheit könnte auch zum Sammeln von Daten für die Versicherung dienen. Eine Box nimmt in dem Fall das Fahrverhalten (Beschleunigungsverhalten und weitere Daten) auf und übermittelt sie an Telefónica. Der Fahrer erwirbt daraufhin einen Score. Wer nach Ansicht der Versicherer anhand dieser Daten ein sicherer Fahrer ist, bekommt einen Rabatt bei der Versicherung. Auch wäre es möglich, die Daten der Black Box für Notrufe zu nutzen. So könnte bei einer Panne oder einem Unfall automatisch ein Notruf abgesetzt oder ein Pannendienst verständigt werden. Vor allem die Versicherungstelematik beschäftigte das Publikum. Mehrere Zuhörer fragten kritisch zu den Punkten Datenschutz und Aussagekraft des Scores nach.


Dr. Bernhard Thomas (Continental) erklärte, dass sich die Forschung und Entwicklung in Bezug auf vernetzte Autos in erster Linie auf den Sicherheitsbereich stürzen. Die meisten Unfälle basierten auf Fahrfehlern. Daher forsche man zu teil-autonomen und autonomen Fahrsystemen. Dass kein Fahrer mehr gebraucht werde, werde sicherlich auch in den kommenden zehn Jahren nicht kommen. Aber die Assistenz werde ausgebaut und mit ihr auch Infotainment-Angebote, weil man beispielsweise dann im Stau lesen könne, ohne Angst haben zu müssen, dem Vordermann aufzufahren.

Gamification und neue TLDs

Gamification bezeichnet laut Wikipedia die Anwendung spieltypischer Elemente und Prozesse in spielfremdem Kontext. Dass es sich dabei um eine nicht gänzlich neue Erfindung handelt, erklärte Arne Gels (Zone 2 Connect) in seinem Vortrag mit dem Titel „Mit Unternehmen spielen“. Als Beispiele nannte er Bonusprogramme wie Miles & More oder Payback und wies auf den „Klassiker“ das Moorhuhn-Spiel hin. Anhand von Nike+ zeigte Gels, wie Kunden im Social Web die Produkte des Herstellers immer wieder in die Kommunikation bringen. In der anschließenden Diskussion unter Leitung von Ibrahim Mazari (Dimedis) betonte Thorsten Unger (GAME Bundesverband), wie das Interesse an spielbasierter Kommunikation immer stärker würde. Und Gels ist vom Kommunikationsmix überzeugt: Der Übergang von interner und externer Kommunikation werde zukünftig fließender.

Ab dem Sommer werden viele neue Top Level Domains (TLDs) eingeführt. In drei Vorträgen beleuchteten die Referenten das Thema aus Sicht unterschiedlicher Gruppen. Sebastian Ritze (united-domains) nahm sich die Sicht der Verbraucher vor. Nach seiner Überzeugung bieten die neuen TLDs Vorteile für die Verbraucher – etwa mehr Wahlfreiheit. Sie könnten aber auch zu Verwirrung führen. Dirk Krischenowski (dotBERLIN) legte die Herausforderungen für Unternehmen dar, die mit der Einführung der neuen TLDs einhergehen. Er forderte sie dazu auf, ihren Namen und ihre Marken schnell für die neuen TLDs anzumelden, bevor ihnen jemand anderes zuvorkomme. Auch geschäftsrelevante Keywords sollten bedacht werden. Anschließend beleuchtete Elmar Knipp (Knipp Medien und Kommunikation) die Veränderung der TLD-Welt aus Sicht der Domainindustrie. „Vorhersagen zum künftigen Erfolg der neuen TLDs sind schwierig“, sagte er, versuchte sich dann aber doch an einigen Prognosen. Seiner Ansicht nach wird die Bedeutung der Registrare (Zwischenhändler bei den TLDs) abnehmen. Es werde Jahre dauern, bis sich die neuen TLDs durchsetzen könnten. Dabei würden sich viele TLDs nicht lange am Markt halten können, letztlich würden sich nur wenige durchsetzen.

Zum Abschluss überreichte Harald Summa den eco Start-up Award an OnPage.org, die mit ihrem Geschäftsmodell für SEO-Analysesoftware die Jury überzeugt hatte. Als Begründung nannte er das große Marktpotenzial für das Konzept – national wie international. Zudem biete es eine einfache Lösung für einen komplexen technologischen Prozess und bringe damit bereits schon kurz nach seinem Start zahlreichen Kunden einen entscheidenden Wettbewerbsvorteil. Platz zwei ging an audriga, einen Umzugsdienst zur Migration von E-Mail- und Groupware-Daten, gefolgt von Barzahlen, einem neuartigen System, das die Bezahlung von Online-Einkäufen im Einzelhandel ermöglicht.

Die Teilnehmer nutzten danach die Gelegenheit zum abschließenden Networking oder beteiligten sich an einer exklusiven Führung durch das RheinEnergieStadion. Weitere Fotos von der Veranstaltung gibt es im eco Flickr-Album.