22.09.2020

„Digitalisierung ist mehr als Videostreaming“

Bundesumweltministerin Svenja Schulze hat jüngst ihre Pläne für mehr Energie- und Ressourceneffizienz digitaler Infrastrukturen vorgestellt. Dr. Béla Waldhauser, Sprecher der unter dem Dach des eco Verbands gegründeten Allianz zur Stärkung digitaler Infrastrukturen in Deutschland, plädiert für eine ganzheitliche Betrachtung digitaler Infrastrukturen, da diese maßgeblich dazu beitragen, die europäischen Klimaziele zu erreichen und einen energieeffizienten Einsatz digitaler Anwendungen sicherstellen.

Wie bewertet die Allianz zur Stärkung digitaler Infrastrukturen die Pläne von Bundesumweltministerin Svenja Schulze?

Dr. Béla Waldhauser: Digitalisierung und Nachhaltigkeit sind zwei Seiten derselben Medaille, von daher ist für unsere Branche dieses Thema bereits seit vielen Jahren relevant. Wir unterstützen zudem die Forderung des Bundesumweltministeriums nach einem schnellen Breitbandausbau sowie die zeitnahe Umstellung von 3G auf das oftmals energieeffizientere 5G. Begrüßenswert ist auch, dass die Politik offenbar endlich die positiven Effekte der Abwärmenutzung von Rechenzentren erkannt hat.

Beim Thema Nachhaltigkeit muss deutlich werden, dass die Digitalisierung nicht Teil des Problems, sondern Teil der Lösung ist. So sollte immer das Potenzial der Digitalisierung in die Betrachtung miteinbezogen werden, um die Klimaziele künftig durch eine nachhaltige Digitalisierung erreichen zu können.

Videostreaming als Fallbeispiel für digitale Potenziale zu analysieren und hieraus Rückschlüsse für notwendige Maßnahmen gegenüber einer ganzen Branche mit immensen Innovationspotenzial – auch für den Klimaschutz – vorzunehmen, halten wir als Vertreter der Allianz für ein ungeeignetes Vorgehen.

Welche politischen Schritte müssen hierfür erfüllt werden? 

Wenn tatsächlich das Ziel ist, bis 2030 den klimaneutralen Betrieb von Rechenzentren zu ermöglichen, muss in Deutschland auch die Energiewende entsprechend beschleunigt werden. Wir benötigen dann einen sehr viel höheren Anteil an Energie aus regenerativen Quellen am Markt. Der erst für 2038 geplante Kohleausstieg steht diesem ehrgeizigen Ziel jedoch zuwider. Ein schnellerer, politisch gesteuerter Kohleausstieg in Deutschland könnte zu einem wesentlich stärkeren Absinken der CO2-Emissionen der Rechenzentren in Westeuropa führen.

Auch  beim Thema Abwärme muss die Politik mit entsprechenden Abnahmeverpflichtungen für Wärmenetzbetreiber dafür sorgen, dass Rechenzentren vor Ort eben auch die Möglichkeit haben, ihre Abwärme ins Nah- oder Fernwärmenetz einzuspeisen. Dies wird aktuell von den Netzbetreibern vielfach noch verhindert, weil es schlichtweg nicht attraktiv genug erschein. Damit die Abwärme von Rechenzentren künftig sinnvoll genutzt werden kann, müssen gemeinsam ganzheitliche Konzepte entwickelt werden.

Wie aktiv sind die Betreiber selbst beim Thema Nachhaltigkeit?

Betreiber digitaler Infrastrukturen setzen sich seit Jahren für mehr Nachhaltigkeit ein und Rechenzentren in Deutschland zählen im internationalen Vergleich bereits heute zu den energieeffizientesten. Das zeigt auch eine vom eco Verband für die Allianz zur Stärkung digitaler Infrastrukturen in Auftrag gegebenen und vom Vodafone Institut unterstützten Studie des Borderstep Instituts.

Gemeinsam mit Forschung, Politik und Wirtschaft sollten wir jetzt gemeinsam und in engem Austausch Wege für eine energieeffiziente und ressourcenschonende Digitalisierung entwickeln. Eine von Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier ins Gespräch gebrachte Allianz aus gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und staatlichen Akteuren, die sowohl für Klimaneutralität als auch für wirtschaftlichen Wohlstand steht, ist daher ein positives Signal auf diesem Weg. Nur gemeinsam schaffen wir die Energiewende und erreichen die Klimaziele. Darum möchte sich auch unsere Allianz zur Stärkung digitaler Infrastrukturen in den Dialog für eine einer energieeffiziente Digitalisierung miteinbringen.

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