Vom Datenaustausch zum Mobilitätsökosystem: Die neue Leitung der KG Mobility im Gespräch

Seit Januar steht die Kompetenzgruppe Mobility von eco unter neuer Leitung. Mit zwei ausgewiesenen Expertinnen aus unterschiedlichen, aber komplementären Bereichen der digitalen Mobilität gewinnt die Gruppe neue Perspektiven: eine internationale Plattform-Sicht bietet Paula Böcken, Senior Public Associate bei Uber, und tiefgehende Erfahrung in puncto Datenökosysteme bringt Dr. Judith Puttkammer, Director Business Development beim Mobility Data Space, mit.

Im Doppelinterview sprechen beide Leiterinnen über die Rolle von Mobilitätsdaten für die Verkehrswende, über regulatorische und kulturelle Hürden sowie über die Frage, wie Kooperationen zwischen Wirtschaft, Politik und Wissenschaft künftig wirksamer gestaltet werden können. Gleichzeitig geben sie einen Ausblick auf die strategischen Schwerpunkte der Kompetenzgruppe Mobility und ihre persönlichen Ziele für das erste Jahr.

Vom Datenaustausch zum Mobilitätsökosystem: Die neue Leitung der KG Mobility im Gespräch

Im Gespräch mit Dr. Judith Puttkammer, Director Business Development bei Mobility Data Space

Mobilitätsdaten gelten als Schlüssel für die Verkehrswende. Wo sehen Sie aktuell den größten Hebel, den datenbasierte Kooperationen in Deutschland noch nicht ausreichend nutzen?

Für nachhaltige Mobilitätslösungen in Deutschland und der EU liegen die Herausforderungen insbesondere darin, eine Kultur des Datenteilens zu schaffen, von der Unternehmen, Forschung sowie Bürgerinnen und Bürger profitieren. Dazu müssen wir insbesondere rechtliche und organisatorische Unsicherheiten rund um den Datenhandel abbauen.

Der Mobility Data Space bringt sehr unterschiedliche Akteure an einen Tisch. Welche Erfolgsfaktoren braucht es aus Ihrer Sicht, damit aus Datenteilung tatsächlich neue Geschäftsmodelle entstehen?

Entscheidend ist, dass Business Cases zwischen verschiedenen Partnern von Beginn an skalierbar auf- und umgesetzt werden. Der vom Bundesministerium für Verkehr (BMV) geförderte Mobility Data Space (MDS) trägt auf verschiedenen Wegen zur Skalierfähigkeit von Business Cases bei – beispielsweise, indem unter neutraler und kartellrechtskonformer Moderation des MDS Standardisierungen zwischen mehreren Datengebern und Datennehmern für Business Cases abgestimmt werden. Ebenso basiert das Datenteilen im MDS auf einer standardisierten Schnittstelle (Connector), über die ein Unternehmen mit einer Vielzahl von weiteren Unternehmen Daten sicher und vertrauenswürdig teilen kann (Potenziale für Kostenreduktion im Bereich Schnittstellenmanagement).

Interoperabilität und Vertrauen sind zentrale Themen bei Datenräumen. Wo erleben Sie in der Praxis noch die größten Hürden, sowohl technisch, rechtlich als auch kulturell?

Im Allgemeinen herrscht noch große Unsicherheit im Markt: Darf ich meine Daten überhaupt monetarisieren? Wie stark müssen die Daten anonymisiert sein? Was sind meine Daten wert?

Darüber hinaus liegt eine große technische Herausforderung darin begründet, dass Unternehmen ihre Datenprodukte vornehmlich über ihre eigenen Plattformen und Shopsysteme abwickeln wollen. Dies sind in vielen Fällen Insellösungen, die nicht interoperabel weiterentwickelt werden können.

Die eco Kompetenzgruppe Mobility lebt vom Austausch zwischen Wirtschaft, Politik und Wissenschaft. Welche Impulse möchten Sie dort gezielt einbringen?

Als Expertin im Bereich Data Ecosystems möchte ich die Arbeit der KG Mobility insbesondere mit neuen Impulsen rund um die Frage bereichern, wie wir es schaffen, dass der Mobilitätssektor möglichst schnell und nachhaltig von der sich rasant entwickelnden Datenökonomie profitiert.

Ein Blick nach vorn: Wie wird sich der Umgang mit Mobilitätsdaten in den nächsten fünf Jahren verändern? Und was bedeutet das für Unternehmen in der Branche?

In den nächsten Jahren wird der unternehmensübergreifende Handel von Mobilitätsdaten stark zunehmen. Dies wird zum einen für Unternehmen neue Einkommens- und Businesspotenziale ermöglichen und zum anderen werden dadurch neue datenbasierte Produkte und Services entstehen, die die Mobilität von morgen benutzerfreundlicher, verkehrssicherer und nachhaltiger machen.

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Im Gespräch mit Paula Böcken, Senior Public Policy Associate bei Uber

Plattformbasierte Mobilitätsangebote verändern urbane Verkehrssysteme weltweit. Welche Lehren aus internationalen Märkten sind für Deutschland besonders relevant?

Ubers internationale Erfahrung zeigt klar: Digitale Mobilitätsplattformen entfalten ihr volles Potenzial dann, wenn man ihnen den nötigen Raum gibt und sie als Teil des Verkehrssystems versteht, um die Mobilität insgesamt zu verbessern.

International sehen wir in vielen Märkten, dass flexible, app-basierte Mobilitätsdienste dazu beitragen können, private Pkw-Nutzung zu reduzieren. Insbesondere da, wo der ÖPNV gut ausgebaut ist und app-basierte Dienste komplementär, z.B. im Bereich erste- und letzte Meile, Mobilitätslücken schließen können. Dieses Zusammenspiel kann auch in Deutschland sehr gut funktionieren. Voraussetzung dafür ist allerdings eine innovationsfreundliche, technologieoffene Regulierung für private Mobilitätsangebote.

Regulatorische Rahmenbedingungen sind ein Dauerbrenner in der Mobilität. Wo sehen Sie aktuell den größten Bedarf für eine Modernisierung der Regulierung?

Der größte Modernisierungsbedarf besteht dort, wo analoge Regelwerke auf digitale Geschäftsmodelle treffen. Viele Vorschriften im Bereich der Personenbeförderung in Deutschland stammen aus einer vor-digitalen Zeit, in der Mobilität lokal, linear und kaum datengetrieben organisiert war.

Heute ermöglichen Plattformen eine deutlich effizientere Fahrzeugauslastung und eine bessere Steuerung von Verkehrsflüssen. Regulierung sollte diese Potenziale unterstützen und nicht ausbremsen. Ein gutes Beispiel dafür ist aus meiner Sicht die im Personenbeförderungsgesetz verankerte Rückkehrpflicht für Mietwagen.

Aus Nutzerperspektive zählen Verlässlichkeit, Preis und Komfort. Wie können digitale Mobilitätsdienste aus Ihrer Sicht noch besser zur Akzeptanz nachhaltiger Mobilität beitragen?

Nachhaltige Mobilität wird dann akzeptiert, wenn sie im Alltag einfach funktioniert. Digitale Mobilitätsdienste können hier einen entscheidenden Beitrag leisten, indem sie verschiedene Verkehrsmittel intelligent verknüpfen, kostengünstige und transparente Preise bieten und eine hohe Verfügbarkeit sicherstellen. Wenn Nutzerinnen und Nutzer erleben, dass sie flexibel, planbar und komfortabel von A nach B kommen – auch ohne eigenes Auto – steigt die Bereitschaft, nachhaltige Alternativen dauerhaft zu nutzen.

Die Kompetenzgruppe Mobility bietet Raum für offenen Dialog. Welche Themen möchten Sie dort bewusst auch kontrovers diskutieren?

Ich halte es für sehr wichtig, Zukunftsthemen offen und differenziert zu diskutieren. Dazu zählt für mich insbesondere das autonome Fahren und die Frage, welche Rolle Deutschland im internationalen Vergleich einnehmen möchte. Andere Märkte zeigen bereits heute, welches Potenzial automatisierte Mobilitätsangebote für Sicherheit, Effizienz und Nachhaltigkeit haben können. Gleichzeitig stehen wir in Deutschland vor der Herausforderung, technologische Innovation, passende regulatorische Rahmenbedingungen und gesellschaftliche Akzeptanz zusammenzudenken. Die Kompetenzgruppe soll genau dafür Raum bieten: unterschiedliche Perspektiven zusammenzuführen und Orientierung für die weitere Entwicklung zu geben.

Persönlich gefragt: Was reizt Sie an der neuen Rolle als Leiterin der Kompetenzgruppe? Und welches Ziel haben Sie sich für das erste Jahr gesetzt?

Mich reizt besonders die Möglichkeit, Akteure aus sehr unterschiedlichen Bereichen an einen Tisch zu bringen. Mobilität betrifft uns alle und lässt sich nur gemeinsam weiterentwickeln. Mein Ziel für das erste Jahr ist, die Kompetenzgruppe weiter als konstruktive, fachlich fundierte und gut vernetzte Stimme für digitale Mobilität zu etablieren.