15.04.2020

„Corona beschleunigt die Digitalisierung der Pflege“

Kann die Digitalisierung einen Corona-bedingten Pflegenotstand abmildern? Dr. Bettina Horster ist Vorstand der VIVAI Software AG und Direktorin der Kompetenzgruppe IoT im eco – Verband der Internetwirtschaft e. V. Im Interview erläutert sie, wie digitale Assistenzsysteme ältere Menschen unterstützen.

Frau Dr. Horster, welche Auswirkungen hat die Corona-Krise auf die Pflege älterer Menschen?
Die COVID-19 Pandemie belastet unser Pflegesystem in unerwarteter Art und Weise und gefährdet insbesondere chronisch kranke Patienten in nie bekanntem Ausmaß. Es gibt es viele Fragen und Unsicherheiten sowohl von den Gepflegten als auch von den Pflegenden. Wegen der hohen Ansteckungsrisiken lassen viele Risikopatienten nur noch ihre Familienangehörigen in die Häuslichkeit. Es fehlt in ganz Deutschland an Tagespflegekräften aus dem Ausland. Corona könnte die Digitalisierung der Pflege beschleunigen und dabei helfen, die starren Strukturen aufzubrechen und neu zu denken.

Welche Hilfe kann hier die Digitalisierung leisten?
Digitale Assistenzsysteme können die Auswirkungen der Krise mildern, indem sie ältere Menschen unterstützen: wenn sie zusätzlich noch einen Sprachassistenten beinhalten, wie beispielsweise bei dem System VIVAIcare, dann können diese als zusätzliches Kommunikationsmedium dienen oder die Senioren erinnern – etwa an die Einnahme von Medikamenten, den nächsten Arztbesuch oder daran, etwas zu trinken. Die Übermittlung der Vitaldaten und eine Sturzerkennung sorgt das zusätzlich für Sicherheit, wenn Pflegefachkräfte fehlen.

Warum sind solche Systeme für Senioren noch nicht so weit verbreitet?
Es fehlt den meisten Menschen noch die Kenntnis, dass solche Angebote existieren. Vielleicht ist durch Corona jetzt endlich der Zeitpunkt gekommen, an dem die Digitalisierung der Pflege vorankommt und neue Versorgungsmodelle zum Zug kommen. Das Bundesgesundheitsministerium ist schon länger ein Treiber, um die Pflege durch Technologie zu erneuern und die bedarfsgerechte Pflege zu etablieren. Die Digitalisierung ist zudem unsere einzige Chance, den Demographischen Wandel zu gestalten. Der Virus steigert noch einmal die Sicht auf die Notwendigkeit hier tätig zu werden.

Welche Hürden müssen überwunden werden?
Neben dem Bewusstsein für die Vorzüge und den strengen Datenschutzanforderungen, denen die Weitergabe von Gesundheitsdaten unterliegen ist eine Hürde die Finanzierung. Die meisten Senioren können sich ein solches System nicht leisten, denn mit einer Durchschnittsrente von 1.200 EUR kann man keine zusätzlichen Kosten stemmen. Doch gerade die Corona Krise zeigt, dass wir gar nicht anders können, als auf Digitale Assistenzsysteme zu setzen. Die Älteren möchten gerne so lange wie möglich eigenständig wohnen und die Kommunen würden echt entlastet werden. 75% aller Bewohner von Pflegeheimen sind auf einen Sozialtransfer angewiesen. Dies sind für die Kommunen im Durchschnitt pro Bewohner und Jahr 19.000 EUR. Die Kosten eines digitalen Assistenzsystems sind eine Kleinigkeit dagegen.

Frau Dr. Horster, vielen Dank für das Interview!

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