20.02.2026

Edge vor Ort: Rechenleistung als Standortfaktor

KI-Anwendungen, industrielle Echtzeitprozesse und datenintensive Services verschieben die Anforderungen an digitale Infrastrukturen grundlegend. Glasfaser bleibt die Basis, entscheidend wird jedoch zunehmend die Nähe zur Rechenleistung. Im Interview zeigt Lutz Lohse, Geschäftsführer von enviaTEL, warum insbesondere Edge-Rechenzentren zum strategischen Baustein werden: Sie ermöglichen lokale Datenverarbeitung, reduzieren Latenzen und schaffen wirtschaftliche Mehrwerte für Industrie und Kommunen. Damit entwickelt sich der regionale Netzbetreiber vom reinen Infrastrukturprovider zur aktiven Plattform für digitale Wertschöpfung. Bei den fiberdays 26 wird er als Speaker auf der eco Datacenter Plaza dabei sein.

Lange Zeit galt Glasfaser als reines Fundament digitaler Netze, oft beschrieben als sogenannte „Dumb Pipe“. Wenn wir heute über KI-Anwendungen oder Echtzeit-Prozesse in der Industrie sprechen, wie wandelt sich die Rolle eines regionalen Netzbetreibers hin zu einem Enabler für Edge Computing, und warum reicht der reine Glasfaserausbau dafür nicht mehr aus?

Als regionaler Telekommunikationsdienstleister für Privat- und Geschäftskunden erkennen wir seit Jahren eine deutliche Zunahme der Echtzeitdatenströme. Im privaten Bereich ist das Nutzungsverhalten aus Videoübertragung oder Gamification extrem gewachsen. Im Zeitalter der Machine-to-Machine-Kommunikation etablieren unsere Kunden sensorgesteuerte automatisierte Produktionsketten. Für all diese Anwendungen ist die neue Währung eine geringe Latenz. Mit dem DE-CIX Leipzig auf unserem Datacenter Campus haben unsere Kunden latenzärmste Internetverbindungen in regionale und weltweite Netze.

Edge Colocation bringt Rechenleistung dorthin, wo Daten entstehen. Welchen konkreten wirtschaftlichen Nutzen sehen Ihre Kunden in diesem lokalen Ansatz, etwa im Hinblick auf Verarbeitungsgeschwindigkeit vor Ort?

Die Daten entstehen bei unseren Kunden. Entscheidend ist die Verarbeitung der Daten mit dem Host, entweder on premise oder in einem nahen gelegenen zertifizierten Edge-Rechenzentrum. envia TEL betreibt diese Edge-Rechenzentren. Sie bieten unseren Kunden eine hochverfügbare Betriebsumgebung und sichern gleichzeitig die Pflichten auf KRITIS und NIS-2-Gesetzgebung ab. Der zweite entscheidende Vorteil von Edge-Rechenzentren ist, unsere Kunden müssen weder in die Infrastruktur und das Personal noch in die Betriebsleistungen eines Edge-Rechenzentrums investieren. Wir haben das bereits getan und können aufgrund von Skaleneffekten bestmögliche Services anbieten.

Der Betrieb dezentraler Edge-Rechenzentren ist deutlich komplexer als der eines einzelnen großen Standorts. Wo liegen aus Ihrer Sicht die größten operativen Herausforderungen, wenn hochverfügbare Rechenzentrumsstandards mit regulatorischen Vorgaben und energetischen Rahmenbedingungen in der Fläche in Einklang gebracht werden müssen?

Der Betrieb von Edge-Rechenzentren ist nicht komplexer, wenn diese baugleich und mit identischen Infrastrukturen ausgestattet sind. In der Skalierungsfähigkeit liegt ein entscheidender Ressourcenvorteil. Dies gilt auch für das Personal und die Überwachung der Edge-Rechenzentren durch hochautomatisierte Prozesse. Hier bietet die Integration von KI entscheidende Weichenstellungen für die Zukunft. Das Potential ist keineswegs ausgereizt. Eine weitere Chance für die Zukunft besteht darin, das Energieeffizienz-Potential in den Regionen zu heben. Die zukünftige Versorgung von Mietern und Unternehmen mit Wärme aus Rechenzentren ist ein nachhaltiger Schatz, den wir einbringen wollen und müssen.

Regionale Glasfasernetze übernehmen zunehmend mehr als reine Transportfunktionen. Ab welchem Punkt wird aus Ihrer Sicht die Kombination aus regionalem Backbone und lokalen Edge-Rechenzentren zu einer strategischen Schaltzentrale, die darüber entscheidet, wie attraktiv eine Region für moderne Industrie und digitale Dienste bleibt?

Unser Vorteil ist, dass wir alle Produkte im Regal haben. Das umfasst Glasfaserprodukte, Edge-Rechenzentren, Sicherheitslösungen und die weltweite Vernetzung über den DE-CIX Leipzig. Diese Leistungsfähigkeit in Verbindung mit grüner Energie ist für unsere Region ein entscheidender Standortvorteil. Wir sind regional verwurzelt und nur leistungsfähig, wenn unsere Kunden, Kommunen und Partner es auch sind. Das Gemeinsame und Beste für die Region zu entwickeln, ist unser Antrieb.

Mit Blick auf Ihr Panel: Was ist die eine zentrale Frage, die sich IT-Leiter:innen und kommunale Entscheider:innen heute stellen sollten, um nicht nur in passive Infrastruktur zu investieren, sondern eine langfristig tragfähige Edge Strategie aufzubauen?

Die Frage ist doch nicht ob, sondern wann und wie gut strukturiert, kostenattraktiv und nachhaltig ziehe ich als Unternehmen in ein Rechenzentrum. Die Entscheidung dafür muss jedes Unternehmen für sich selbst bewerten. Die gesetzlichen Rahmenbedingungen aus dem KRITIS-Dachgesetz und der NIS-2-Gesetzgebung sind wesentliche Anforderungen für die Nutzung eines Rechenzentrums. Als Unternehmer sollte ich klären, wie, mit welchen Ressourcen und deren Auswirkungen ich meine IT on premise noch betreiben kann.

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