15.07.2022

Industrie traf Spitzenforschung: Das war der Data Center Expert Summit 2022

Neue Ideen für den Betrieb von Rechenzentren oder wie die Internetwirtschaft klimaneutral werden kann – Betreiber, Planer sowie Kundinnen und Kunden von Rechenzentren diskutierten Strategien und Trends am 8. und 9. Juni 2022 im GSI in Darmstadt.

Der eco Verband hatte zum zweiten Data Center Expert Summit (DCES) die führenden Köpfe der Branche ins GSI Helmholtzzentrum für Schwerionenforschung eingeladen. Am Mittwochnachmittag, 8. Juni begann der Event mit Führungen für alle Teilnehmer:innen über das Gelände des Forschungszentrums, dabei stand besonders der GreenIT Cube (Test-Rechenzentrum) im Zentrum. Dr. Helmut Kreiser vom GSI führte durch dieses Höchstleistungsrechenzentrum, das den Blauen Engel als Kennzeichnung für besondere Umweltfreundlichkeit erhielt.

Den folgenden Event-Tag eröffneten Alexander Rabe, eco Verband, gemeinsam mit Prof. Dr. Paolo Giubellino vom GSI Helmholtzzentrum. Den ersten Vortrag hielt Hessens Digitalstaatssekretär und CIO des Landes Patrick Burghardt in Vertretung für die Digitalministerin Prof. Dr. Kristina Sinemus. „Rechenzentren sind das Rückgrat der Digitalisierung. Zusammen mit gigabitfähigen Netzen und leistungsstarken Mobilfunknetzen bilden sie die Infrastruktur und das Fundament des digitalen Wandels“, sagte Burghardt vor Ort.

So gut ist der Rechenzentrums-Standort Deutschland

Zum ersten Diskussionspanel des Tages rief Mareike Jacobshagen vom DE-CIX einige Expert:innen auf die Bühne. Zu Standortfaktoren für Rechenzentren und digitale Infrastrukturen in Deutschland sprachen Patrick Burghardt und David Spernau von Bechtle, die die Sicht des Mittelstands beleuchteten. Dr. Béla Waldhauser von der Telehouse Deutschland GmbH nahm die Perspektive der Rechenzentrumsbetreiber ein und Dr. Jan Henrik Schoenke von der LMIS AG die wissenschaftliche Sichtweise: Welche Vor- und Nachteile hat Deutschland als Standort für Rechenzentren und Hyperscaler und was wollen die Betriebe? Wie müssen sich die digitalen Infrastrukturen entwickeln und was brauchen wir, damit das gelingt?

Nach einer Kaffeepause folgte die Keynote von Torsten Nolting, ABB, zu aktuellen Herausforderungen, denen sich Rechenzentren stellen müssen. Grade in Bezug auf Energiedichte und Platzbedarf rückt die Nachhaltigkeit von Lösungen und Produkten immer stärker in den Fokus, sagte Nolting und nannte Perspektiven für grüne Rechenzentren in Deutschland. Das Thema nahm die folgende Best Practice Session auf: Über Ideen für einen nachhaltigen RZ-Betrieb sprachen, moderiert von Roland Broch vom eco Verband, Bedrettin Altay von NOYA Architekt & Ingenieure, Marco Baumann von JAEGGI Hybridtechnologie AG, Jens Möller von der e-shelter security GmbH sowie Markus Rosenberger von der Huawei Technologies Deutschland GmbH.

Auf dem Weg zum grünen Rechenzentrum

An die Mittagspause schloss sich ein Panel zu den Nachhaltigkeitszielen 2027/30 an. Ab 2027 sollen Rechenzentren klimaneutral sein, fordert die Bundesregierung. Wie gelingt das? Moderiert von der iX Redakteurin Susanne Nolte sprach Dr. Gunnar Schomaker vom Software Innovation Campus Paderborn über Rechenzentren in Windkraftanlagen. Severin Braun, PlusServer GmbH, referierte über Bestandsrechenzentren, bei denen die Energieeffizienz verbessert werden kann: 80 Prozent der Unternehmen müssen ihre IT modernisieren und effizienter gestalten. Vincent Weynand veranschaulichte, wie LuxConnect bei der Kälteproduktion CO2 einspart. Bruno Theimer von ABB gab den Hinweis, dass sich der CO2-Fußabdruck mithilfe der Digitalisierung verbessern lässt. Dr. Ralph Hintemann vom Borderstep Institut stellte Forschungsprojekte vor, etwa zur Abwärmenutzung mithilfe von Flüssigkeit direkt auf der Platine. Wassergekühlte Systeme können zukünftig die Energieeffizienz von Rechenzentren verbessern – die Akzeptanz solcher Systeme muss dafür jedoch steigen, so die Diskutanten. Nachweise und Zertifikate könnten die Transparenz erhöhen, wie energieeffizient welches Rechenzentrum ist.

Neue Technologien unterstützten Digitalisierung

Am Nachmittag folgte eine Best Practice Session zu praxisnahen Lösungen und Ideen für den alltäglichen RZ-Betrieb. Das Themenspektrum erstreckte sich über die Bereiche Sicherheit, Klima- und Stromversorgung sowie innovative Ideen für einen nachhaltigen RZ-Betrieb. „Wenn wir Rechenzentren planen, bauen und betreiben, spielen ökologische Aspekte eine immer größere Rolle“, sagte Christian Kallenbach, Datacenter One. Jürgen Beyer von der PFALZCOM GmbH ergänzte: „Der Trend zur Digitalisierung und Automatisierung von IT gestützten Geschäftsprozessen wird sich unter Einsatz neuer Technologien weiter fortsetzen, Datenschutz und das Thema Nachhaltigkeit werden dabei im Bereich der IT in der näheren Zukunft entscheidend für den Geschäftserfolg sein.“ Ein spannendes Beispiel aus der Praxis gab Giovanni Coppa von der Wobcom GmbH in seinem Vortrag „Wolfsburg – von der Vision in die Praxis“. Über ein zukünftiges Rechenzentrum 5.0 mit hoher Verfügbarkeit, hybride Modelle und nachhaltige Technik sprach Marco Müller von der DeRZ GmbH.

Fokus auf digitale Ökosysteme

Nach einer weiteren Kaffeepause stellte Dr. Helmut Kreiser den GreenIT Cube auf dem GSI/FAIR-Campus vor. Der Cube gehört zu den leistungsfähigsten wissenschaftlichen Rechenzentren der Welt und setzt auch Maßstäbe beim Thema Energiesparen. Da die Server-Racks mit Wasser gekühlt werden, entspricht der Energieaufwand für die Kühlung weniger als sieben Prozent der für das Rechnen aufgewendeten elektrischen Leistung.

Wie schaffen wir digitale Ökosysteme, die Innovationen fördern? Diese Frage beantwortete anschließend IT-Berater Gerd Simon. Er nannte wichtige Parameter, Rahmenbedingungen und Selektionskriterien für die Entwicklung eines Digitalen Ökosystems bestehend aus Datendrehkreuz, Hyperscale-Rechenzentrum sowie Digitalpark.

Den Abschluss des spannenden Eventtages bildete das Panel „Von Hyperscale & Colocation über High Performance Computing bis EDGE: Warum wir eine ganzheitliche Sicht auf Digitale Ökosysteme benötigen.“ Welche Anwendungen brauchen welche Infrastruktur? Die Moderatorin Mareike Jacobshagen begrüßte wieder kompetente Talkrunden-Teilnehmer:innen auf dem Podium. „Die Offenheit und Sensibilität für Digitalisierungsstrategien in den Unternehmen wurde während der Pandemie gestärkt“, sagte Sabine Schaar von Equinix. Sie betonte jedoch die Bedeutung von nachhaltigen Lösungen, die es zu fördern gilt. Dazu könnte etwa ein Vergleichssystem verschiedener Nachhaltigkeitsaspekte in Rechenzentren beitragen.

RZ-Branche reagiert auf pandemiebedingten Digitalisierungsschub

Auch eine Optimierung der IT-Auslastung kann Energie sparen, gab Henrik Hasenkamp von der gridscale GmbH zu bedenken. So lässt sich ungenutzte IT einfach ausschalten, bis sie wirklich benötigt wird. Er machte Mittelständlern Mut, Digitalisierung richtig umzusetzen. Hierfür sollten sie auch auf externes Know-how setzen. Den Mittelstand dürfe man nicht unterschätzen, mahnte Ingo Kraupa von der noris network AG. Dort habe man klare Vorstellungen und Zielbilder. Unweigerlich wachse mit der Digitalisierung der Bedarf an Rechenzentren, auch wenn zukünftig Edge-Computing wichtiger werde, beispielsweise in regionalen Rechenzentren. Dass IT-Ressourcen aus Micro-Datacentern teurer sind und es entsprechende Anreizsysteme braucht, das gab Christoph Dietzel vom DE-CIX zu bedenken. Er berichtete, wie durch die Pandemie der Datenverkehr insgesamt gewachsen ist, insbesondere durch Videokonferenzen. Nicht nur der Datenverkehr, auch der Speicherbedarf ist gewachsen, ergänzte Marko Hilbert, IONOS 1&1. Für Backups und Fotos, aber auch für E-Mail und Collaboration-Tools wurde in der Pandemie sehr schnell sehr viel mehr Speicherplatz benötigt.

Zum Abschluss des Events bedankten sich Markus Schaffrin und Roland Broch vom eco Verband bei den rund 120 Teilnehmenden und den Sponsoren ABB, e-shelter security GmbH, Huawei Technologies Deutschland GmbH, Rosenberger-OSI GmbH & Co. OHG und  JAEGGI Hybridtechnologie AG. Alle gemeinsam haben gezeigt, wie die Branche der Rechenzentren sich gemeinsam für Innovationen und nachhaltige Lösungen einsetzt.

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