13.10.2020

„Mit Daten näher an die Nutzer herangehen“

Die Corona-Pandemie hat der Digitalisierung einen kräftigen Schub gegeben, doch auch unabhängig davon schreitet die Entwicklung des Internets stetig voran. Dr. Christoph Dietzel, Global Head of Products & Research bei DE-CIX, beobachtet die wachsenden Datenmengen und erklärt im Interview, warum die Daten künftig näher an die Konsumenten rücken werden.

Herr Dr. Dietzel, das Internet entwickelt sich stetig weiter. In welchen Bereichen sehen Sie aktuell die größten Veränderungen?

In unserer digitalisierten Welt ist das Internet längst zu einer kritischen Infrastruktur geworden. Immer größere Datenströme fließen unablässig um die Welt. Die Technologien der Zukunft, wie künstliche Intelligenz, virtuelle Realität und viele mehr, brauchen Vernetzung als unverzichtbare Grundlage. Deshalb ist es so wichtig, dass wir uns mit der Zukunft des Internets – auch auf der Ebene der Basisinfrastruktur – beschäftigen.

Welche Rolle spielt dabei die Dezentralisierung – von Austauschknoten und Rechenzentren – und was ist der Grund dafür?

Internet und Globalisierung gehören zusammen. Seitdem das Web die Kommunikation revolutioniert hat, wächst die Welt schneller denn je zusammen. Doch gerade um die zukünftige Entwicklung des Internets zu unterstützen, müssen wir lokaler denken. Anwendungen wie Virtual Reality und 8K-Inhalte benötigen immer größere Datenmengen, erlauben aber gleichzeitig immer geringere Latenzzeiten. Wenn wir solche Anwendungen großflächig umsetzen möchten, zwingt uns die Physik dazu, mit den Daten näher an die Nutzer heranzugehen.

Bereits in den vergangenen zehn Jahren hat sich die Struktur des Internets verändert, Anbieter haben bereits eigenes Equipment zum Zwischenspeichern von Inhalten in den Endkundennetzen und bringen somit ihre Daten näher an den Konsumenten. Was heute in regionalen Telekommunikations-Hubs wie London, Amsterdam oder Frankfurt geschieht, müsste für eine groß angelegte VR-Nutzung, beispielsweise in autonomen Fahrzeugen, großflächig und dichter ausgedehnt werden, auch in ländliche Regionen.

Und wie sieht die Datenübertragung der Zukunft aus?

Wir beobachten in Rechenzentren weltweit einen „Scale-out-Ansatz“: Bestehende Infrastrukturen werden in die Fläche erweitert, um mit den wachsenden Anforderungen mitzuhalten. Um die Größe der Nutzfläche innerhalb von Rechenzentren zu steigern, wird kontinuierlich an einer höheren Integration der Übertragungstechnik gearbeitet. So gibt es neue Ansätze für Rechenzentren, die als Reinraum ausgeführt sind und in denen die Kommunikation nicht mehr in Glasfaserleitungen abläuft, sondern über Lichtimpulse, die an einer spiegelnden Decke reflektiert werden.

Wir sehen enorme Fortschritte in der Übertragungstechnologie, bereits jetzt sind beispielsweise 400-GE-Ports bei DE-CIX im Einsatz. Der Schritt zur Tausendermarke ist nur noch eine Frage der Zeit, die Planungen und die Standardisierung dafür sind schon im Gange. Man kann also sagen: Die Grundlagen der Übertragungstechnik werden in absehbarer Zeit eine weitere innovative Evolution erleben, aber nicht von einer revolutionären, völlig neuartigen Technologie verdrängt werden.

Welchen Platz wird 5G dabei einnehmen?

Der 5G-Funkstandard bietet großes Potenzial für die Industrie und andere Bereiche der Wirtschaft. Doch allein aus der verbesserten mobilen Datenübertragung lassen sich vermutlich in den seltensten Fällen profitable Anwendungen entwickeln. Dafür sind weitere Technologien und Infrastrukturen wie Mobile Edge Cloud, Software Defined Networking, Network Function Virtualization, Service Function Chaining oder Network Slicing im Hintergrund nötig. 5G wird Unternehmen nur dann zu einem Mehrwert verhelfen und neue Anwendungsfälle ermöglichen, wenn die genannten Technologien zusammenspielen und 5G Verbreitung findet.

Als Referent spricht Dr. Christoph Dietzel bei der Veranstaltungsreihe Future Internet.

„Mit Daten näher an die Nutzer herangehen“