eco
13.07.2020

Sieben Fähigkeiten für das Überleben im digitalen Ökosystem

Harald A. Summa ist eco Hauptgeschäftsführer – und Gründer, Internet-Architekt und Visionär. Seine Erfahrungen hat er jetzt in einem Buch zusammengefasst: In „Im digitalen Ökosystem“ beschreibt er sieben Fähigkeiten und Kompetenzen, die für das (digitale) Überleben notwendig sind. Im Interview erläutert er, welche das sind und wie diese sich im paneuropäischen Projekt GAIA-X wiederfinden.

Herr Summa, was können wir dafür tun, dass unsere digitale Zukunft eine gute Zukunft wird? Um diese Frage geht es Ihrem Buch. Zunächst einmal: Wen meinen Sie mit „wir“?

Eine der Folgen, die niemand von uns auf dem Schirm hatte, als wir die digitale Infrastruktur, die Verbindungen und die Protokolle geschaffen haben, aus denen das Internet, wie wir es heute kennen, wurde, ist die Grüppchenbildung.

Die Technik, von der viele Visionäre glaubten, sie würde dazu beitragen, dass die Menschen einander besser verstehen, dass sie sich einander verbundener fühlen würden, wird nicht zu Unrecht dafür verantwortlich gemacht, dass das Gegenteil eingetreten ist. Statt mit einem globalen „Wir“ haben wir es mit vielen partikularen „Wirs“ zu tun. Von denen definieren sich nicht wenige über Abgrenzung von anderen.

Ganz anders in meinem Buch. Ich meine mit dem „Wir“ keine elitäre, exklusive Gruppe. Ob Manager oder Berufseinsteiger, ob kommerziell orientiert, gesellschaftlich oder politisch: „Wir“ sind bei mir alle Menschen, die sich für unsere digitale Zukunft nicht nur als Nutzer interessieren, sondern selbst anpacken wollen.

„Im digitalen Ökosystem – Sieben Fähigkeiten, die Sie zum Überleben brauchen“ lautet der Titel. Um welche Fähigkeiten geht es Ihnen?

Wer gestalten will, braucht zunächst einmal Zuversicht. Nicht nur in das eigene Potenzial, sondern auch darein, dass die Digitalisierung das Leben der Menschen und des Planeten, den wir bewohnen, verbessern kann. Ich persönlich bin davon überzeugt. Ich kann aber nachvollziehen, warum andere skeptisch sind. Stichwort „Wir“-Bildung: Man könnte meinen, es gäbe die einen, die für jedes Problem eine App entwickeln wollen, und die anderen, denen der Fortschritt zu schnell geht. Unreflektierter Fortschrittsglaube hier, Fahrlässigkeit durch Unterlassen dort.

Ich glaube, wir brauchen beide Sichtweisen. Wer Digitalisierung zum Nutzen aller Menschen gestalten will, sollte mit Bedenken Visionen entwickeln und immer die Folgen mitdenken. Das hört sich schön an, aber: Wirtschaften und mit ihnen Gesellschaftssysteme stehen im globalen Wettbewerb. Alle Konsequenzen durchzuspielen, während an anderer Stelle Fakten geschaffen werden, ist keine gute Strategie. Daher braucht es mehr als Klugheit. Es braucht auch Entschlossenheit.

Es geht mir aber nicht nur um das Mindset. Wir müssen auch etwas auf die Beine stellen. Wir müssen die Grundlagen schaffen, denn auch wenn heute niemand seriös abschätzen kann, wie unsere digitale Welt in zehn oder fünfzehn Jahren aussehen wird, ist eins sicher: Die digitale Welt von morgen wird auf den Grundlagen von heute aufgebaut.

Sie sprechen von der digitalen Infrastruktur?

In Frankfurt befindet sich mit DE-CIX der weltweit größte Internetknoten. Mit dem Internetknoten wachsen auch die Rechenzentren. Frankfurt gehört heute zu den global am besten vernetzten Städten oder wie es in der Branche heißt: Die Verfügbarkeit an Connectivity in der Mainmetropole ist einzigartig.

Das Beispiel zeigt, wie ein digitales Ökosystem entsteht und gedeiht. Zunächst einmal braucht es eine Metroregion. Dann braucht es Fläche. Es braucht Gebäude, die zugleich sicher und gut erreichbar sind und es braucht eine zuverlässige Versorgung mit Strom. Von all dem braucht es genug, um skalieren zu können. Langfristig.

Erst wenn das alles vorhanden ist, können im nächsten Schritt Netzwerkservices angeboten werden. Und erst wenn das alles umgesetzt ist, wenn der unsichtbare Maschinenraum des Internets steht und zuverlässig brummt, kommen all die bunten, interaktiven und innovativen Anwendungen und Möglichkeiten, die der Einfachheit halber „das Internet“ genannt werden.

Es wird oft behauptet, Daten seien flüchtig. Das stimmt. Das Beispiel Frankfurt zeigt aber auch, dass Daten zur Haufenbildung neigen. Ungeachtet der tollen Möglichkeiten durch New Work, Homeoffice und Videokonferenzen: Ideen, Köpfe und Geld gehen gern dahin, wo die Daten sind. Wer in der digitalen Zukunft an der Wertschöpfung beteiligt sein will, sollte daher nicht den Fehler begehen, die digitale Infrastruktur, in der diese Zukunft entsteht, zu vernachlässigen.

Nun ist mit GAIA-X ein Projekt unterwegs, das genau dieser Sorge begegnet …

… und ich glaube, dass es exakt zum richtigen Zeitpunkt kommt. Die Cloud boomt und auf Anbieterseite teilen einige wenige große Namen den Markt unter sich auf. Angesichts dieser Verhältnisse könnte man glauben, GAIA-X käme mit viel Getöse viel zu spät. Aber erstens sind das Datenwachstum und die damit verbundene Nachfrage nach Rechenleistung in den Clouds noch lange nicht am Ende. Mit 5G und Edge Computing zeichnen sich schon Faktoren ab, die viel Dynamik mit sich bringen.

Zweitens, und das ist viel wichtiger, sollte man GAIA-X nicht einfach als eine weitere Option im bestehenden Angebot missverstehen. Es ist viel mehr als nur eine europäische Cloud. Das Projekt steht für eine ganz andere Art, mit Daten zu arbeiten. Viel von dem, wofür ich mich in meinen Positionen und auch in meinem Buch einsetze, finde ich in GAIA-X wieder. Transparenz und Vielfalt sind wichtig, Sicherheit und Agilität und ein Thema, auf das ich immer wieder zurückkomme: die Überzeugung, dass wir alle davon profitieren, wenn wir uns nicht argwöhnisch als potenzielle Konkurrenten wahrnehmen, sondern aufgeschlossen miteinander arbeiten. Souverän auftreten unter ebenso souveränen Partnern.

Zurück zu Ihrem Buch: Souveränität ist auch hier das Stichwort, auf das alles hinausläuft. Was sollten wir Ihrer Meinung nach als souveräne Akteure mit unseren Möglichkeiten anfangen?

Nach allem, was ich in der Corona-Zeit aus meinem Umfeld vor allem von den jüngeren Menschen mitbekommen habe, braucht es meinen Rat an dieser Stelle nicht. Meiner Wahrnehmung nach können die Leute ihren Verstand in der Regel ganz gut gebrauchen. Wir alle haben uns in unseren Jobs und in unserer Freizeit schon immer leidenschaftlich für Dinge eingesetzt, die uns wichtig sind.
Mir kommt es so vor, als wären die wichtigen Dinge immer häufiger auch sinnvolle Dinge. Ich kann das nur unterstützen. Anstatt kluge Ratschläge zu erteilen, freue ich mich lieber darauf, zu erleben, was wir in den nächsten Jahren mit dieser Leidenschaft und unterstützt durch die moderne Technik noch alles zusammen erreichen werden.

Das Buch „Im digitalen Ökosystem – Sieben Fähigkeiten, die Sie zum Überleben brauchen“ von Harald A. Summa ist im Redline-Verlag erschienen.

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