Der rasante Fortschritt im Bereich Künstliche Intelligenz verändert die Anforderungen an Rechenzentren grundlegend, von steigender Leistungsdichte über neue Kühl- und Redundanzkonzepte bis hin zu flexibilisierten Stromnetzen und Microgrids. Im Interview erläutert Michael Würth, Global Head of Datacenter Services GRF bei SAP, wie sich Architektur und Skalierbarkeit moderner IT-Infrastrukturen im KI-Zeitalter weiterentwickeln, warum die energetische Optimierung bestehender Standorte strategisch sinnvoller sein kann als ein Neubau und welche Rolle Nachhaltigkeitsziele sowie ESG-Kriterien dabei spielen. Zudem wird deutlich, weshalb Rechenzentren künftig nicht nur als Energieverbraucher, sondern als aktive Elemente im Energiesystem verstanden werden müssen, insbesondere im Kontext geschäftskritischer Plattformen wie SAP HANA und KI-getriebener Workloads.
Der aktuelle KI-Boom transformiert viele Branchen grundlegend. Wie verändert die zunehmende Integration von Künstlicher Intelligenz die Anforderungen an Architektur, Leistungsdichte und Skalierbarkeit moderner IT- und Rechenzentrumsinfrastrukturen aus Ihrer Sicht konkret?
Die rasante Entwicklung und Integration von Künstlicher Intelligenz führt zu einer grundlegenden Neuausrichtung der Anforderungen an moderne IT- und Rechenzentrumsarchitekturen. KI-Workloads unterscheiden sich signifikant von klassischen Unternehmensanwendungen – sowohl in ihrer Leistungscharakteristik als auch in ihren infrastrukturellen Abhängigkeiten – und erzeugen dadurch einen Paradigmenwechsel in der Rechenzentrumsplanung.
Erstens steigt die Leistungsdichte dramatisch. KI-Beschleuniger, insbesondere GPUs und spezialisierte AI-ASICs, erzeugen thermische Lasten, die weit über den typischen Anforderungen traditioneller Server liegen. Wo früher 5–10 kW pro Rack ausreichten, werden heute 50 kW, 80 kW oder sogar über 100 kW pro Rack zur Realität. Dies macht den Übergang zu Liquid Cooling – sei es Direct-to-Chip oder Immersionskühlung – zu einem strategischen Muss, um die Energieeffizienz zu erhalten und die physische Stabilität des Betriebs sicherzustellen.
Zweitens erfordert KI eine deutlich flexiblere und stärker modularisierte Architektur. Trainings-Cluster, Inferenz-Fabriken und verteilte KI-Pipelines erfordern optimierte Netzwerke mit extrem niedrigen Latenzen, hohen Bandbreiten und skalierbaren Interconnects. Das klassische Rechenzentrum wird zunehmend zu einem hochdynamischen Verbund spezialisierter Zonen, in denen Compute-, Cooling- und Power-Infrastruktur eng verzahnt betrieben werden.
Drittens verändert KI die Anforderungen an die Skalierbarkeit. KI-Lasten wachsen nicht linear, sondern stufenweise: neue Modelle, neue Trainingsmethoden oder neue Geschäftsanforderungen können den Ressourcenbedarf kurzfristig vervielfachen. Rechenzentren müssen daher so gebaut oder modernisiert werden, dass Skalierung nicht nur virtuell, sondern auch physisch möglich ist – etwa durch erweiterbare Strompfade, modulare Kühlsysteme und intelligente Flächennutzung. Das Thema High-Density-Readiness im Bestand wird dadurch essenziell, um vorhandene Ressourcen wirtschaftlich und nachhaltig weiterzuentwickeln.
Zusammengefasst führt der KI-Boom dazu, dass moderne Rechenzentren nicht nur leistungsfähiger, sondern auch adaptiver und energieintelligenter konstruiert werden müssen. KI definiert die Anforderungen an Architektur, Kühlung, Energieversorgung und Skalierungsfähigkeit neu – und zwingt uns, bestehende Infrastrukturen so zu modernisieren, dass sie die nächste Generation von Workloads nicht nur unterstützen, sondern aktiv ermöglichen.
Unternehmen stehen bei der Weiterentwicklung ihrer Rechenzentrumslandschaft häufig vor der Wahl zwischen Neubau und Bestandstransformation. Warum ist die Modernisierung und energetische Optimierung bestehender Standorte für SAP ein strategisch relevanter Ansatz? Welche Bedeutung haben dabei Nachhaltigkeitsziele und ESG-Kriterien?
Für SAP hat die Modernisierung und energetische Optimierung bestehender Rechenzentrumsstandorte eine zentrale strategische Bedeutung. Unser Ansatz basiert auf der Überzeugung, dass wir die bereits vorhandene Infrastruktur nicht nur technisch, sondern auch ökologisch weiterentwickeln müssen – insbesondere vor dem Hintergrund steigender Leistungsanforderungen durch KI-Workloads und hochdichte IT-Lasten.
Ein wesentlicher Bestandteil unseres Renovationsprogramms ist daher die systematische Vorbereitung unserer bestehenden Standorte auf High-Density-Umgebungen und Liquid-Cooling-Technologien. Diese ermöglichen es uns, deutlich höhere thermische Lasten zu managen und gleichzeitig den Energieverbrauch der Kühlung substantiell zu reduzieren. Durch die Integration von Flüssigkühlung, optimierten Luftführungen und modular erweiterbaren Versorgungspfaden schaffen wir die Grundlage dafür, moderne KI-Infrastrukturen in unserem bestehenden Footprint effizient zu betreiben. Außerdem ermöglicht es uns die Nutzung von Abwärme noch einmal deutlich effizienter zu gestalten.
Gleichzeitig ist die Weiterverwendung vorhandener Gebäude und Infrastruktur ein unmittelbarer Beitrag zur Nachhaltigkeit. Neubauten verursachen erhebliche Mengen an eingebettetem CO2 – von der Rohstoffgewinnung über Bauprozesse bis hin zur Erschließung. Die Transformation bestehender Rechenzentren vermeidet diese Umweltbelastungen und ermöglicht es uns, Ressourcen verantwortungsvoll zu nutzen, ohne dabei auf technologische Entwicklung zu verzichten.
Unsere ESG-Ziele sind deshalb integraler Bestandteil aller Modernisierungsentscheidungen. Wir wollen nicht nur effizientere Systeme betreiben, sondern unsere Rechenzentren so gestalten, dass sie langfristig mit den wachsenden Anforderungen an Energieeffizienz, Abwärmenutzung und CO2-Reduktion harmonieren. Modernisierung bedeutet für uns: technische Zukunftsfähigkeit, wirtschaftliche Vernunft und ökologische Verantwortung in Einklang zu bringen.
Durch diesen Transformationsansatz werden unsere Rechenzentren zu Plattformen, die sowohl heutigen KI-Anforderungen gerecht werden als auch die Nachhaltigkeitsziele der SAP unterstützen – und damit einen klaren Mehrwert für unsere Kunden, unsere Organisation und das Energiesystem insgesamt schaffen.
Ein Schwerpunkt des Events liegt auf flexibilisierten Stromnetzen und Microgrids. Inwiefern sieht SAP Rechenzentren künftig nicht mehr nur als reine Stromverbraucher, sondern als aktive Partner der Energieversorger, beispielsweise durch Demand Response oder die Nutzung von Speichersystemen?
Rechenzentren im Allgemeinen, und auch die SAP Rechenzentren, werden in den kommenden Jahren eine deutlich aktivere Rolle im Energiesystem einnehmen. Wir sehen sie nicht mehr ausschließlich als große Stromverbraucher, sondern zunehmend als flexible, steuerbare Energiepartner. Dieser Wandel wird durch mehrere technologische und regulatorische Entwicklungen ermöglicht.
Zum einen verfügen moderne Rechenzentren über hochgradig automatisierte Steuerungsmechanismen, die es erlauben, Lasten kurzfristig anzupassen – sei es durch Demand Response-Programme, zeitlich flexible Workloads oder die intelligente Nutzung von
Kühlkapazitäten. Diese Flexibilitäten können Netzbetreibern helfen, Lastspitzen besser auszugleichen und das Gesamtsystem zu stabilisieren.Zum anderen gewinnen Speichersysteme, sowohl elektrische als auch thermische, stark an Bedeutung. Durch sie können Rechenzentren nicht nur ihren eigenen Betrieb resilienter gestalten, sondern perspektivisch auch Regelenergie bereitstellen oder kurzfristig überschüssige erneuerbare Energie aufnehmen. In Kombination mit Microgrids oder lokalen erneuerbaren Erzeugern entstehen so echte, bidirektionale Energieknotenpunkte. SAP plant bis 2030 die CO2 Neutralität. Unsere Rechenzentren und vor allem deren Abwärme-Potential werden dabei ein signifikanter Baustein sein.
Langfristig betrachten wir Rechenzentren daher als integrale Bausteine eines flexibilisierten Energiesystems. Entscheidend ist, dass diese Partnerschaft mit internen Stakeholdern, Energieversorgern, Technologieanbietern und der öffentlichen Hand gemeinsam gestaltet wird – transparent, sicher und stets mit Blick auf Versorgungssicherheit und Nachhaltigkeit.
Geschäftskritische Plattformen wie SAP HANA stellen besonders hohe Anforderungen an Stabilität und Performance. Wie entwickeln sich Redundanz-, Verfügbarkeits- und Kühlungskonzepte im Kontext KI-getriebener Workloads weiter und welche strategischen Prioritäten sollten Betreiber heute setzen?
Geschäftskritische Plattformen wie SAP HANA verlangen seit jeher höchste Stabilität, Verfügbarkeit und Performance. Mit der Einführung von KI-getriebenen Workloads steigt die Komplexität jedoch erheblich – insbesondere im Bereich der Cooling- und Redundanzkonzepte. Klassische Luftkühlung stößt an ihre physikalischen Grenzen, während moderne KI-Server thermische Lasten erzeugen, die ohne Liquid Cooling nicht mehr zuverlässig beherrschbar sind. Gleichzeitig darf die Einführung neuer Kühltechnologien jedoch niemals zu einer Reduktion der Verfügbarkeit geschäftskritischer Plattformen führen.
Eine der größten Herausforderungen besteht derzeit darin, verlässliche Redundanzkonzepte für Liquid-Cooling-Systeme zu entwickeln. Während etablierte Luftkühlsysteme über Jahrzehnte ausgereifte N+1- oder 2N-Architekturen bieten, befinden sich flüssigkeitsbasierte Systeme technologisch noch in einem Reifeprozess. Fragen zur Pumpenredundanz, zum Failover-Design, zur Überwachung von Kühlkreisläufen und zu Interoperabilität mit bestehenden Rechenzentrumsinfrastrukturen müssen neu gedacht und konsequent getestet werden. Genau hier liegt für uns ein strategischer Schwerpunkt.
SAP baut daher ein eigenes Liquid Cooling & High-Density Innovation Lab, in dem wir verschiedenste technische Ansätze, Herstellerlösungen und Redundanzarchitekturen realitätsnah evaluieren. Unser Ziel ist es, zu verstehen, wie Direct-to-Chip-Kühlungen und Rear-Door-Heat-Exchanger sich unter Lastverlagerungen, Druckschwankungen und Failover-Szenarien verhalten – und welche Kombinationen langfristig für geschäftskritische SAP-Plattformen geeignet sind. Dabei betrachten wir nicht nur die technische Resilienz, sondern auch Betriebsstabilität, Wartungsfähigkeit und die Integration in bestehende Monitoring- und Building-Management-Systeme.
Strategisch sollten Betreiber heute drei Prioritäten setzen:
1. Redundanz neu definieren: Redundanz darf sich nicht nur auf Strompfade beziehen, sondern muss Kühlkreise, Pumpensysteme, Heat-Reject-Komponenten und Steuerlogik umfassen. KI-Infrastrukturen verlangen holistische Verfügbarkeitskonzepte.
2. High-Density-Readiness schaffen: Betreiber müssen bestehende RZ-Flächen so modernisieren, dass sie Liquid Cooling technisch aufnehmen können – inklusive Platz für sekundäre Kühlkreise, ausreichend dimensionierter Kaltwasserpfade und skalierbarer Rückkühlleistung.
3. Testen, bevor man skaliert: Die Einführung von Liquid Cooling in produktiven Umgebungen ohne zuvor in kontrollierten Testumgebungen „Proven Patterns“ zu ermitteln, ist ein Risiko. Unser eigenes SAP-Lab ist genau darauf ausgelegt, diesen Reifeprozess strukturiert voranzutreiben.
Durch diesen Ansatz stellen wir sicher, dass die nächste Generation von KI-Workloads – ob für HANA-basierte Analytik, Data-Science-Plattformen oder generative KI – nicht nur leistungsfähig, sondern auch mit der für SAP typischen Betriebssicherheit betrieben werden kann. KI verändert die Kühlungs- und Verfügbarkeitskonzepte tiefgreifend. Die Aufgabe der Rechenzentrumsbetreiber besteht jetzt darin, diese Transformation kontrolliert, datenbasiert und mit hoher technologischer Sorgfalt umzusetzen.
Mit Blick auf Ihre eigene Infrastruktur: Welches technische Konzept oder welche architektonische Entscheidung steht exemplarisch für Ihre Zukunftsfähigkeit und zeigt, dass Ihre Rechenzentren bereits auf kommende Anforderungen vorbereitet sind?
Ein zentrales Element, das die Zukunftsfähigkeit unserer Rechenzentrumsinfrastruktur exemplarisch zeigt, ist unser modulares High-Density- und Liquid-Cooling-Ready-Architekturkonzept, das wir im Rahmen unseres umfassenden Renovationsprogramms umsetzen. Dieses Konzept verbindet die Modernisierung bestehender Standorte mit einer klaren technischen Vision für KI- und Hochleistungs-Workloads.
Konkret bedeutet das: Wir bereiten unsere Rechenzentren so vor, dass sie sowohl klassische Luftkühlung als auch fortschrittliche Liquid-Cooling-Technologien parallel unterstützen können – inklusive skalierbarer Kühlwassernetze, redundant ausgelegter Pumpenpfade und flexibler Zonen, in denen Rack-Leistungsdichten von deutlich über 80 kW pro Rack realisierbar sind. Gleichzeitig bleibt unser Ansatz vollständig rückwärtskompatibel und ermöglicht, bestehende Serverlandschaften weiter zu betreiben, ohne bauliche oder betriebliche Brüche zu erzeugen.
Dieses hybride Architekturprinzip schafft maximale Flexibilität für künftige Anforderungen: Wir können KI-Cluster mit Direct-to-Chip oder Immersionskühlung integrieren. Wir können klassische Workloads effizient weiterbetreiben. Und wir können zwischen beiden Welten nahtlos skalieren, ohne neue Standorte bauen zu müssen.
Ein zweites Schlüsselelement ist unser neues SAP Liquid Cooling Innovation Lab, in dem wir Kühlsysteme, Redundanzkonzepte und Hochlast-Szenarien unter realen Bedingungen evaluieren. Das Lab stellt sicher, dass wir nicht nur theoretisch planen, sondern praxisbewährte Designs entwickeln, bevor sie in Produktivumgebungen überführt werden. Das minimiert Risiken, beschleunigt unsere Lernkurve und erhöht die Betriebssicherheit deutlich – ein kritischer Erfolgsfaktor bei hochsensiblen Plattformen wie SAP HANA oder KI-Trainingsclustern.
In Summe zeigt diese Architektur sehr klar, dass unsere Rechenzentren nicht nur modernisiert, sondern fundamental für die nächste Generation von High-Density-, KI- und HPC-Anwendungen ausgerichtet sind. Wir gestalten unsere Infrastruktur so, dass sie langfristig flexibel, resilient, nachhaltig und technologisch anschlussfähig bleibt – und damit auch in Zukunft die hohen Anforderungen unserer Kunden und unserer eigenen Plattformen zuverlässig tragen kann.
Meet the Expert
Michael Würth wird bei der Veranstaltung "Zukunftsfähige RZ’s im KI-Zeitalter – Neue Herausforderungen für Infrastruktur, Stromnetz und Altbestand" am 14. April 2026 über die Modernisierung und Nutzung von Bestandsimmobilien sprechen. Alle Informationen zum Event und der Anmeldung gibt es hier.


