Wie wird aus vernetzten Maschinen eine wirklich intelligente Produktion? Igor Mikulina, CEO und Gründer von MicroStep Europa und Präsident des Stiftungsrates der IndustryFusion Foundation, spricht im eco Interview über offene Standards, Edge-KI und die Entwicklung der Smart Factory hin zu zunehmend eigenständig agierenden Systemen.
Industrie 4.0 wird seit vielen Jahren diskutiert, in der Praxis arbeiten gerade im Mittelstand aber noch zahlreiche Maschinen und Systeme weitgehend nebeneinander. Wo liegen heute die größten Hürden auf dem Weg zur wirklich vernetzten Produktion?
Die größte Hürde ist heute nicht mehr die grundsätzliche technische Vernetzung, sondern die fehlende gemeinsame Bedeutung der Daten. Maschinen unterschiedlicher Hersteller, Baujahre und Technologien liefern Daten in verschiedenen Formaten und Strukturen. Hinzu kommen proprietäre Schnittstellen, fehlende eindeutige Identitäten für Maschinen und Komponenten sowie hohe Integrationskosten.
Gerade im Mittelstand darf Digitalisierung kein jahrelanges individuelles IT-Projekt sein. Benötigt werden skalierbare Lösungen, die bestehende Maschinen einbinden, Informationen semantisch beschreiben und Daten kontrolliert nutzbar machen. Erst wenn Maschinen, Material, Aufträge und Prozesse in einem gemeinsamen Kontext verstanden werden, entsteht aus verbundenen Systemen eine wirklich vernetzte Produktion.
Eine Smart Factory lebt davon, dass Maschinen unterschiedlicher Hersteller miteinander kommunizieren können. Welche Rolle spielen offene Standards und herstellerübergreifende Lösungen dabei und warum ist Interoperabilität für die Digitalisierung der Industrie so entscheidend?
Offene Standards sind die Voraussetzung dafür, dass Unternehmen ihre Digitalisierung unabhängig von einzelnen Herstellern und Plattformen gestalten können. Entscheidend ist dabei nicht nur, Daten technisch zu übertragen. Systeme müssen auch eindeutig verstehen, welches Asset gemeint ist, welche Bedeutung ein Datenwert besitzt und unter welchen Regeln die Information verwendet werden darf.
Wir benötigen deshalb Interoperabilität auf mehreren Ebenen: bei Schnittstellen, Datenmodellen, Identitäten, Zugriffsrechten und Geschäftsprozessen. Semantische Process Data Twins können hierfür Maschinendaten mit ihrem technischen und betrieblichen Kontext verbinden. In Kombination mit offenen Standards und souveränen Datenräumen entsteht eine belastbare Grundlage, auf der Maschinen, Softwarelösungen und Unternehmen sicher zusammenarbeiten können. Interoperabilität verhindert damit neue digitale Insellösungen und wird zum wirtschaftlichen Fundament skalierbarer Industrieplattformen.
Mit KI entsteht aktuell eine neue Entwicklungsstufe der industriellen Digitalisierung. Wo sehen Sie das größte Potenzial, wenn KI direkt an Maschinen oder Produktionsstandorten eingesetzt wird und welche Anwendungen sind heute bereits realistisch?
Das größte Potenzial von Edge-KI liegt darin, Produktionsdaten unmittelbar dort auszuwerten, wo sie entstehen. Das reduziert Reaktionszeiten, schützt sensible Betriebsdaten und ermöglicht Entscheidungen auch dann, wenn keine permanente Cloud-Verbindung verfügbar ist.
Bereits heute sind Anwendungen wie Zustandsüberwachung, Anomalieerkennung, vorausschauende Wartung, Qualitätskontrolle, Prozessoptimierung und intelligente Assistenz für Service und Bediener realistisch. Der nächste Entwicklungsschritt verbindet diese Fähigkeiten mit semantischen Process Data Twins. Eine KI erhält dann nicht nur Messwerte, sondern versteht auch, von welcher Maschine und welchem Prozess sie stammen und in welchem technischen Zusammenhang sie stehen. Dadurch kann sie nachvollziehbare Handlungsempfehlungen ableiten, statt lediglich statistische Auffälligkeiten zu melden.
Beim eco Austausch zu IoT und KI haben Sie bereits über Edge-KI in der Industrie gesprochen. Wenn wir den Blick einige Jahre nach vorne richten: Wie verändert sich die Smart Factory, wenn Maschinen nicht mehr nur vernetzt und automatisiert sind, sondern zunehmend eigenständig Entscheidungen treffen können?
Die Smart Factory entwickelt sich von einer automatisierten Produktionsstätte zu einem verteilten, agentischen Entscheidungssystem. Maschinen und industrielle KI-Agenten werden künftig nicht nur ihren eigenen Zustand bewerten, sondern gemeinsam entscheiden, wie ein Auftrag am besten realisiert werden kann.
Dabei werden beispielsweise Materialverfügbarkeit, Maschinenzustand, technologische Eignung, Kapazität, Energieverbrauch, Qualität, Lieferzeit, Kosten und Logistik gleichzeitig berücksichtigt. Ist die eigene Fertigung nicht wirtschaftlich oder technisch nicht möglich, kann das System eine kontrollierte Vergabe an qualifizierte Partner in einem vertrauenswürdigen Produktionsnetzwerk vorbereiten. Aus „Make or Buy“ wird so ein dynamisches „Make or Share“.
Voraussetzung dafür sind klare Entscheidungsgrenzen, überprüfbare Regeln, sichere digitale Identitäten und die Souveränität der beteiligten Unternehmen über ihre Daten. Die Fabrik der Zukunft wird daher nicht zentral von einer einzigen Cloud gesteuert. Sie basiert auf einem Zusammenspiel aus intelligenter Edge, souveränen Cloud-Diensten und interoperablen Datenräumen. Menschen bleiben dabei die verantwortliche Instanz, während KI komplexe Zusammenhänge analysiert, Optionen bewertet und operative Entscheidungen vorbereitet oder innerhalb definierter Grenzen ausführt.


