12.07.2019

Frauen in der Tech-Branche

Es gibt tausende gute Gründe, warum die Internetwirtschaft weibliche Verstärkung braucht. Schließlich stehen zahlreiche Jobangebote dem Fachkräftemangel gegenüber oder aber homogene Teams und Denkweisen Innovationen im Wege. Die Digitalbranche boomt, täglich entstehen neue digitale Geschäftsmodelle und schaffen lukrative Jobs, doch die lassen sich Frauen noch zu häufig entgehen. Wir wollen das ändern. In unserer Serie „Frauen in der Tech-Branche“ kommen inspirierende weibliche Fach- und Führungskräfte der Internetbranche zu Wort. Dabei sprechen wir über die wirklich wichtigen Themen: von Entwicklungsperspektiven über Karrieretipps und Zukunftswünsche bis hin zu den Herausforderungen in einem männerdominierten Arbeitsumfeld und warum Arbeit in der Internetbranche Spaß macht. Diesmal mit: Donya Amer, Executive Vice President bei Bosch.

 

Wenn ich Ihre Position hätte, was muss ich für den Job unbedingt mitbringen?

Donya Amer: In meiner Rolle als Business Interface in der Robert Bosch Corporate IT verantworte ich ein internationales Team, daher sind interkulturelle Kompetenz und das Arbeiten über Grenzen hinweg zwei wesentliche Faktoren. Darüber hinaus bin ich ein sehr neugieriger und ausgeprochen lernbereiter Mensch. Dies sind alles Eigenschaften, die mir in meinem Job entgegenkommen. Und zu guter Letzt schlägt mein Herz natürlich für Technologie und kontinuierlichen Wandel. Auch dafür sollte man eine Passion mitbringen.

 

Mitunter scheuen Frauen die Tech-Branche. Wir würden diesen Aspekt gerne einmal umdrehen und fragen: Was mögen Sie besonders an Ihrem Beruf?

Amer: Ich mache das gar nicht so an der Tech-Branche fest. Ich glaube eher, dass es immer die beste Variante ist, in einem Bereich zu arbeiten, für den man brennt. Ich selbst mag die Tech-Branche, weil sie sehr abwechslungsreich ist. Hier gestalten wir die Zukunft mit und das in einer enormen Geschwindigkeit. Die Digitalisierung ist extrem vielfältig und bietet jeden Tag neue Herausforderungen. Mit meinem Team unterstütze ich den digitalen Wandel von Bosch weltweit auf seinem Weg zum führenden Unternehmen im „Internet der Dinge“.

 

Gibt es ein Projekt aus dem Bereich IoT, das Sie besonders spannend finden? Wenn ja, warum?

Ich bin erst seit zwei Jahren bei Bosch und bin begeistert, wie konsequent das Unternehmen das Thema Internet of Things (IoT) durchdringt. Im Bereich der Mobilität arbeiten wir zum Beispiel mit vernetzten Lösungen wie Automated Driving oder Valet-Parking und sind dabei, einen kompletten Markt neu zu gestalten. Ein anderes IoT-Beispiel aus dem neuen Bereich „Smart Agricultue“ ist eines meiner aktuellen Lieblingsprojekte, unsere Smart-Farming-Lösung Plantec. Dies ist ein innovatives Konzept für den Anbau von Tomaten in den Green Houses (Anmerkung der Redaktion: kleine Gewächshäuser) in Japan. Über Sensoren werden Daten wie Temperaturen und Sonneneinstrahlung gemessen, die anschließend in der Bosch IoT-Cloud gespeichert und ausgewertet werden. Die Farmer erhalten dann Handlungsempfehlungen für die Pflege ihrer Tomaten und erzielen so eine bessere Ernte und damit höhere Erträge. Das ist nicht nur visuell eine tolle Lösung, sondern auch technisch: innovativ, skalierbar und cloud-basiert. In diesem Projekt haben Kollegen aus unterschiedlichsten Bereichen und Kulturen eng zusammengearbeitet. Das ist sehr inspirierend.

 

Das klingt nach interdisziplinärer Teamarbeit über Ländergrenzen hinweg und trifft sicherlich auch den Aspekt Diversity: Wie wird Diversity denn bei Bosch gelebt?

Ich erlebe bei Bosch eine unglaubliche Vielfalt. So sind meine direkten Kollegen im Bereichsvorstand der Corporate IT zum Beispiel sehr divers. Sowohl in Bezug auf Alter, Erfahrung und kultureller Hintergrund als auch Gender. Einige von uns sind kaufmännisch geprägt, andere technisch. Das ist eine sehr gute Kombination. Diese Vielfalt findet sich auch in unseren Teams wieder, die weltweit über Grenzen hinweg erfolgreich zusammen arbeiten.

 

Und wie divers ist Ihr eigenes Team?

Innerhalb meines direkten Teams gibt es acht Führungspositionen: zwei davon sind Frauen und sechs sind Männer. Wir repräsentieren unterschiedliche Hintergründe und Erfahrungen aus Kulturen, Kompetenzen und Kontinenten. Ich möchte niemanden davon missen, denn in den Diskussionen zeigt sich immer wieder, dass uns diese Vielfalt nach vorne bringt. Mir ist jedoch bei der Personalauswahl vor allem wichtig, daß die richtige Person auf dem richtigen Job ist, und dass sich die Fähigkeiten gut ergänzen. So kommt Diversity automatisch ins Team.

 

Wenn eine Frau beliebigen Alters Sie um einen Karrieretipp bitten würde: Was würden Sie ihr raten?

Habe keine Angst vor Veränderungen. Das ist ein Thema, welches ich auch meinen Mentees bei Bosch immer mitgebe. Niemand sollte warten, bis irgendeiner kommt, und man an die Hand genommen wird, um voranzukommen. Jeder sollte sich selbst antreiben, hinterfragen und eine gewisse Veränderungsbereitschaft mitbringen. Mein Mentor hat mir den Rat gegeben: „Be interested, be interesting“, also sei interessiert und gleichzeitig auch interessant. Ich glaube, wer dies beherzigt, wird automatisch erfolgreich sein. Daher lautet mein Karrieretipp: Sei grundsätzlich bereit, dich zu verändern – nicht übereilt, denn dann verlierst du Qualität, aber sei grundsätzlich auch offen für Neues. Schau dich interessiert um, sei wissbegierig, und erweitere dein Skill-Set kontinuierlich – vor allem in neuen Themen und Technologien.

 

Haben Sie selbst noch Vorbilder? Nehmen wir an Sie selbst könnten eine beliebige, weibliche Persönlichkeit (gerne aus der Tech-Branche) – egal ob lebendig oder tot – treffen: Wer wäre es und warum?

Wenn ich an Vorbilder denke, denke ich an Katherine Goble, Dorothy Vaughan und Mary Jackson. Das sind drei afroamerikanische Mathematikerinnen aus der Zeit, in der die NASA das Thema Erdumkreisung auf den Weg gebracht hat. Diese drei Frauen haben signifikant dazu beigetragen, dass diese Mission überhaupt erst zustande gekommen ist. Sie haben nicht nur zum Thema Diversity in Summe sehr viel beigetragen, sondern auch über ihre Zeit hinaus unendlich große Spuren hinterlassen. Ich hatte selbst erst kürzlich die Chance, auf dem NASA-Campus in den USA zu sein. Auch da sind Goble, Vaughan und Jackson überall gegenwärtig. Ihre Geschichte ist auch verfilmt worden. Hidden Figures ist ein wunderbarer Film, der zeigt, wie man Vorurteile nicht durch eine Quote, sondern durch Inhalte überwinden kann. Ich finde, dass diese drei Frauen Großartiges geleistet haben. Diese Leistung ist etwas, was ich mir immer wieder auch selbst zu Herzen nehme. Ich finde, dass man sich nicht aufhalten lassen sollte, nur weil man vielleicht an der einen oder anderen Stelle nicht dem Standard entspricht, ganz im Gegenteil.

 

Wir geben Ihnen jetzt mal einen weiteren interessanten Job und machen Sie zur Chefredakteurin eines Leitmediums – egal ob Bild, Die Zeit oder FAZ: Welche Schlagzeile würden Sie zum Thema „Diversity/Frauen in der Tech-Branche“ im Aufmacher-Artikel gerne lesen? Und was soll in dem Artikel stehen?

Als ergebnisorientierter Mensch würde mein Aufmacher lauten: Delivering through Diversity. Je vielfältiger Teams sind, desto erfolgreicher sind sie. Je diverser ein Führungsteam ist, desto stärker werden bei Entscheidungen alle relevanten Aspekte betrachtet. Studien belegen eindeutig, dass diverse Unternehmen weitaus produktiver, erfolgreicher und damit profitabler sind. Auch wenn man sich im Markt einmal umschaut, welche Firmen erfolgreich sind, dann werden in diesem Kontext immer wieder Firmen genannt, welche gerade auf der Führungsebene divers zusammengesetzt sind.

 

Im Rahmen unserer Interview-Reihe haben wir beim letzten Mal Stefanie Kemp, Director Innovation & Transformation bei der Lowell Gruppe getroffen. Sie hat uns folgende Frage für Sie mitgegeben: Was erwarten Frauen von Männern, wenn sie an ihre Karriereplanung denken? Was braucht es da?

Was es braucht, ist deutlich mehr Offenheit und deutlich mehr Mut sowie ein ausgeprägteres Verständnis dafür, dass Diversity einen Unterschied macht. Dabei zielt Diversity nicht nur auf Gender Vielfalt, sondern auf viel mehr Dimensionen wie Kultur, Alter oder auch Mindset. Da müssen wir in Deutschland noch deutlich mutiger werden. Wir müssen uns damit bewusster auseinandersetzen. In Norwegen zum Beispiel gibt es mehr CEOs, die Johann heißen als CEOs, die Frauen sind. Das gleiche gilt auch für die USA. Nur heißen sie dort nicht Johann, sondern John. An der Führungsspitze ist es um die Diversity also noch nicht gut bestellt. In Familien-geführten Unternehmen finden wir hingegen häufiger Frauen in Führungspositonen. Die Würth Gruppe beispielsweise mit Bettina Würth oder Trumpf mit Nicola Leibinger-Kammüller. Für mich sind beide sehr gute Beispiele, weil sie auch einen sehr positiven Einfluss auf die Unternehmenskultur haben. Wir müssen es schaffen, dass weibliche – besser noch vielfältige – Führungskräfte eine Selbstverständlichkeit sind und wir keine Quote brauchen. Ich bin aber überzeugt, dass wir mit Offenheit und deutlich mehr Mut auch dorthin kommen werden.

 

Gibt es für Sie ein Herzensthema im Bereich Diversity?

In meiner idealen Welt ist Diversity kein Thema mehr. Es ist gelebte Praxis. Wir müssen gar nicht mehr darüber reden. Die Vielfalt, die wir in Deutschland in Summe schon sehen, ist auch in den Konzernspitzen angekommen.

 

Gibt es einen Aspekt, der Ihnen persönlich in der Diversity-Debatte zu kurz kommt?

In Deutschland wird Diversity sehr schnell auf das Thema Gender reduziert. Ich halte das für falsch. Wir brauchen nicht mehr Frauen in Führungspositionen, wir brauchen mehr Vielfalt in Führungspositionen. Eine Ausprägung dieser Vielfalt kann Gender sein, aber wir brauchen auch Menschen aus unterschiedlichen Kulturen, mit unterschiedlichen Mindsets und so weiter. Meine Assistentin ist beispielsweise Chinesin. In Asien wird die Digitalisierung ganz anders gelebt. Das sieht man auch an der Nutzung von Mobile-Payment-Lösungen. Es ist ganz normal, mit dem Smartphone zu bezahlen. Gesichtserkennungs-Software wird in der chinesischen Bevölkerung als Vorteil angesehen. Die Diversity, die allein durch unterschiedliche Kulturen entsteht, ist großartig und sehr inspirierend. Ich wünsche mir, dass, wenn wir von Diversity reden, wir die gesamte Bandbreite betrachten.

 

Welche Frage möchten Sie uns in diesem Zusammenhang für unsere nächste Interviewpartnerin mitgeben?

Amer: Meine Frage lautet: Was ist für Sie Diversity?

 

Vielen herzlichen Dank für das Interview, Frau Amer!

 

Für unsere Serie Frauen in der Tech-Branche suchen wir weitere spannende Interview-Partnerinnen. Kontaktieren Sie uns gerne bei Interesse. Weitere Informationen zum Thema Frauen in der Tech-Branche finden Sie in unserer Pressemitteilung und bei unserer Kompetenzgruppe New Work

Frauen in der Tech-Branche 8
©Nick Otto