05.08.2020

Im Gespräch mit Christine Thews, Director Platform Development & Product Management

Es gibt tausende gute Gründe, warum die Internetwirtschaft weibliche Verstärkung braucht. Schließlich stehen zahlreiche Jobangebote dem Fachkräftemangel gegenüber oder aber homogene Teams und Denkweisen Innovationen im Wege. Die Digitalbranche boomt, täglich entstehen neue digitale Geschäftsmodelle und schaffen lukrative Jobs, doch die lassen sich Frauen noch zu häufig entgehen. Wir wollen das ändern. In unserer Serie „Frauen in der Tech-Branche“ kommen inspirierende weibliche Fach- und Führungskräfte der Internetbranche zu Wort. Dabei sprechen wir über die wirklich wichtigen Themen: von Entwicklungsperspektiven über Karrieretipps und Zukunftswünsche bis hin zu den Herausforderungen in einem männerdominierten Arbeitsumfeld und warum Arbeit in der Internetbranche Spaß macht. Diesmal mit: Christine Thews, Director Platform Development & Product Management, toplink GmbH.

 

Was steht auf Ihrer Visitenkarte?

Christine Thews: Director Platform Development & Product Management, toplink GmbH


Wie sieht Ihr Arbeitsalltag aus und was muss man für Ihren Job unbedingt mitbringen?

Thews: Ich verantworte und leite bei toplink die Bereiche Produktmanagement und Platform Development. Es geht also einerseits darum, innovative Themen und Produkte im Umfeld des „Arbeitsplatzes der Zukunft“ zu identifizieren, zu treiben und zur Marktreife zu bringen. Dazu muss ich sowohl Markt- wie Kundenanforderungen kennen und daraus entsprechende Geschäftsstrategien ableiten. Im Bereich Platform Development führe ich ein Team von Entwicklern. Gemeinsam realisieren wir Digitalisierungsprojekte zur Entwicklung neuer Geschäftsmodelle, wie aber auch zur Standardisierung und Automatisierung von Geschäftsprozessen.

Hinsichtlich der Frage, was man für diesen Job mitbringen muss: Wer in diesem Feld tätig sein will, braucht eine gewisse Technik-Affinität gepaart mit betriebswirtschaftlichem Know-how sowie die Fähigkeit, komplexe Zusammenhänge möglichst auf eine einfache Ebene zu reduzieren. Ein gewisses Maß an Pragmatismus sowie Begeisterung für Innovation sollte man ebenfalls mitbringen, genauso wie die Begeisterung dazu, Menschen zu führen.


Sie haben eine beeindruckende Karriere in der IT-Branche hingelegt, waren 16 Jahre bei Siemens und über 6 Jahre bei T-Systems in verantwortungsvollen Positionen beschäftigt, sind aktuell Director Platform Development & Product Management bei der toplink GmbH. Der IT-Branche haftet mitunter das Image an eine Männerdomäne zu sein. Wie ist Ihre Wahrnehmung der Branche?

Thews: Wichtig ist, zunächst zu differenzieren. Es gibt viele Frauen in der IT-Branche. Diese sind naturgemäß in Funktionsbereichen wie HR, Finance oder Sales zu finden. Das sind die klassischen Bereiche, wo man meistens sogar einen Überhang an Frauen hat. In dem Moment jedoch, wo Technik ins Spiel kommt, sind Frauen leider deutlich seltener vertreten. Das Gleiche gilt in gewisser Weise auch für den Karriere-Level: Auf der Specialist-Ebene sind es noch deutlich mehr Frauen, in Führungspositionen hingegen weniger. Das hat sicherlich auch mit dem Thema Vereinbarkeit von Beruf und Familie zu tun. Weil es heutzutage immer noch eine Herausforderung ist, Kinder und Beruf unter einen Hut zu bringen. Das ist jedoch kein Problem der IT-Branche, sondern ein gesamtgesellschaftliches.


Die Coronakrise wird in Bezug auf die Auswirkungen zur Geschlechtergerechtigkeit sehr unterschiedlich bewertet. Die Soziologin Jutta Allmendinger mahnte jüngst, die Pandemie befördere alte Rollenmuster.
Anderseits gehen Studien davon aus, dass Frauen langfristig vom Corona-bedingten Wandel der Arbeitswelt profitieren können. Wie bewerten Sie die Auswirkungen der Pandemie auf die Geschlechtergerechtigkeit?

Thews: Ich glaube, ein Kern Wahrheit liegt in beiden Aussagen. Der positive Effekt durch die Pandemie ist, dass jetzt selbst Skeptiker gesehen haben, dass eine produktive ortsunabhängige Ausübung der beruflichen Tätigkeit in vielen Bereichen sehr gut funktionieren kann und davon können vor allem auch Frauen profitieren. Wenn jedoch zusätzlich die Kinder von zu Hause betreut werden, fällt sehr viel auf die Frauen zurück. Das wirft weibliche Rollenbilder um Jahrzehnte zurück und da müssen wir unbedingt genauer hinschauen. Da sind aber auch die Frauen selbst gefragt: Wie wichtig ist es ihnen aus diesen traditionellen Rollen auszubrechen? Ich bin positiv gestimmt, dass die Chancen überwiegen werden, in dem wir diese Flexibilisierung von Arbeitsmodellen und -Orten in die Post-Corona-Zeit mitnehmen.


Sie beschäftigen sich in Ihrem Joballtag mit dem Arbeitsplatz der Zukunft und bspw. Remote-Arbeitslösungen und -Umgebungen. Was sollten Unternehmen aus Ihrer Sicht tun? Was sollten die positiven Learnings aus der Pandemie sein?

Thews: Die Coronakrise hat die Unternehmen förmlich gezwungen von heute auf morgen auf Homeoffice umzustellen. Jetzt ist eine gute Zeit darüber nachzudenken, wie solche Arbeitsplatzmodelle langfristig aussehen sollten. Was brauchen die Mitarbeiter, um im Prinzip von jedem Ort der Welt arbeiten zu können und welche Voraussetzungen impliziert das? Nicht nur unter ökonomischen Gesichtspunkten bietet es für Unternehmen Vorteile, da Reisezeit und -kosten eingespart werden. Es birgt auch Potenziale in der Personalgewinnung, wenn Standort und in gewissem Grad auch Arbeitszeiten von Mitarbeiter selbst mitbestimmt werden können.


Wie lautet Ihr Karriere-Tipp an Frauen?

Thews: Mein subjektiver Eindruck ist, Frauen präsentieren sich mitunter manchmal nicht so gut, wie es Männer tun. Dabei ist das Thema Sichtbarkeit ein ganz entscheidender Faktor, wenn es um die Karriere geht. Mein Ratschlag lautet daher: Frauen tretet aus den hinteren Reihen nach vorne, um sichtbar zu werden.


Haben oder hatten Sie Vorbilder, die Sie inspiriert und/oder gefördert haben? Nehmen wir an Sie selbst könnten eine beliebige, weibliche Persönlichkeit (gerne aus der Tech-Branche) – egal ob lebendig oder tot – treffen: Wer wäre es und warum?

Im persönlichen Bereich war meine Mutter ausschlaggebend. Sie hat mich sehr geprägt, mich zu viel Selbstvertrauen und Selbstständigkeit erzogen und mir immer wieder ein  großes  Maß an Perspektiven aufgezeigt. Meine Mutter hat vier Kinder großgezogen und war gleichzeitig eine sehr erfolgreiche Lokalpolitikerin. Wie sie zur damaligen Zeit das Thema Karriere und Kinder unter einen Hut gebracht hat ist beeindruckend. Im Nachhinein muss man davor selbigen ziehen. Auch wenn man das als Kind zugegebenermaßen vielleicht nicht immer toll fand.

Grundsätzlich bin ich nicht der Typ, der besonderen Vorbildern hinterher hechelt. Ich hatte aber das Glück, in allen Phasen meiner beruflichen Laufbahn immer wieder den einen oder anderen Vorgesetzten gehabt zu haben, der mich begeistert und gefördert hat. Davon profitiere ich noch bis heute. Wenn ich jedoch darüber nachdenke, welcher Frau ich in der Tech-Branche begegnet bin, die sich wirklich kontinuierlich und nachhaltig dort etabliert hat und deren Entwicklung ich mit Freude verfolgt habe, dann ist das Vera Schneevoigt, heute CDO bei Bosch.


Wie bekommen wir mehr Frauen in Führungspositionen?

Thews: Das ist eine schwierige Frage. Ich will die Frauen nicht aus ihrer Verantwortung nehmen. Mitunter habe ich den Eindruck, dass Frauen gebeten werden wollen. Das wird jedoch nicht passieren und ist der falsche Ansatz. Andererseits habe ich in Konzernen zahlreiche Initiativen gesehen, wo es genau um dieses Thema ging: Wie können wir Frauen in Führungspositionen bringen? Gerade die großen Konzerne stecken wirklich viel Geld und viel Engagement in diese Programme. Nur ist der Outcome aus meiner Erfahrung nicht sonderlich hoch. Es reicht einfach nicht tolle Initiativen aufsetzen. Sie können nur dann zum Erfolg führen, wenn es auch wirklich Top-Down gewollt ist und es sich nicht um reine Lippenbekenntnisse handelt.


Müssten Frauen sich aus Ihrer Sicht mehr trauen und sagen: Da ist eine spannende Führungsposition, da bewerbe ich mich?

Thews: Die entscheidende Frage, die sich Frauen stellen sollten, lautet: Will ich das wirklich? Wenn ich das will, dann muss ich die Initiative ergreifen und mich auch entsprechend darstellen. Das heißt nicht, sich als etwas zu verkaufen, was man nicht ist. Frauen haben aber aus meiner Sicht stets viel größere Bedenken, ob sie alle Anforderungen einer Position erfüllen, während Männer einfach sagen: Ich probiere das. Da spielen erneut gesellschaftliche Prägungen und Rollenmuster hinein. Mein Appell an Frauen lautet: Wenn sie aufsteigen wollen, dann durchhalten, es mit Leidenschaft durchziehen und sich wagen, neue Herausforderungen anzunehmen.


Als Instrument um mehr Frauen in Führungspositionen zu bekommen, werden mitunter Quoten eingesetzt. Bundesministerin für Familie Franziska Giffey hat dies beispielsweise für Vorstände von DAX-Unternehmen angeregt. Brauchen wir aus Ihrer Sicht Frauenquoten?

Thews: Vor 20 Jahren hätte ich eindeutig und mit voller Überzeugung gesagt: Wir brauchen keine Frauenquote. Heute fürchte ich, wir brauchen sie bedauerlicherweise doch. Weil die Mentalität und die traditionell-geprägten Machtstrukturen in den gehobenen Unternehmen und Großkonzernen einfach männerdominiert sind. Gehobene und verantwortungsvolle Positionen werden vielfach nicht über den offiziellen Ausschreibungsweg vergeben, sondern über interne Wege und in informellen Zirkeln. Auf gleiche Weise werden häufig auch die maßgeblichen Entscheidungen gefällt. In diesen Vorgängen sind Frauen heute aber selten involviert.

Wir brauchen daher derartige rechtliche Vereinbarungen bis zu dem Zeitpunkt, wo ein ausreichendes Maß an Frauen in verantwortungsvollen Positionen zu finden ist.


Was braucht eine gute Führungskraft im digitalen Zeitalter? Was zeichnet sie aus?

Thews: Im digitalen Zeitalter braucht es Führungskräfte, die sich als eine Art Bindeglied zwischen der Organisation, zwischen den weiteren Führungskräften und den Mitarbeitern an sich verstehen. Das Wichtigste ist es, Vision und Strategie des Unternehmens an die Mitarbeiter zu vermitteln und daraus gemeinsam konkrete Ziele abzuleiten, deren Umsetzung dann gemeinsam erarbeitet wird. Das gelingt einerseits über die Motivation von Mitarbeitern und andererseits durch einen kooperativen Führungsstil. Ein weiteres wichtiges Thema ist Offenheit und Klarheit gegenüber den Mitarbeitern sowie Verständnis für die Mitarbeiter.

In der Pandemie ist natürlich das Thema Führen aus der Ferne zentral. Dabei spielt das Thema ‚emotionale Intelligenz‘ für mich eine zentrale Rolle. Wie schaffe ich es, Vertrauen in und bei Mitarbeiter(n) aufzubauen, die weit weg sind? Wie kann ich sicher stellen, dass die Mitarbeiter trotz der Situation motiviert und engagiert sind?


Gibt es eine Erfolgsformel zur Zusammensetzung von Teams? Wie sieht das ideale Team aus?

Thews: Zuvor steht für mich immer die Frage: Welche Aufgabe soll mein Team lösen? Worum geht es? Will ich agil und kreativ arbeiten? Dann ist ein hoher Diversitätsgrad, der unterschiedliches Wissen und Perspektiven fördert und so eine Vielfalt an Ideen generiert und intensive Diskussionen entstehen lässt, hilfreich. Wenn es hingegen darum geht, schnell, effektiv Dinge zu erreichen, dann würde ich zu eher homogenen Teams raten. Ich sollte also zuvor immer im Blick behalten: Was ist die Aufgabenstellung und danach entscheiden, wie ich meine Teams zusammenstelle. Im übertragenen Sinne: die berühmt-berüchtigte eierlegende Wollmilchsau gibt es im Hinblick auf Teamkonstellationen nicht.


Was ist Ihr Herzensthema? Welcher Aspekt kommt aus Ihrer Sicht in der Diversity-Debatte zu kurz?

Thews: Was für mich schwer zu verstehen ist: Warum entscheiden sich nur so wenige Frauen für einen Karriereweg, insbesondere in der Tech-Branche? Warum ist häufig so wenig Selbstvertrauen vorhanden? Für mich ist das ein gesellschaftspolitisches Thema. Um nicht falsch verstanden zu werden: Ich begrüße das Engagement und die Initiativen, um mehr Frauen in Führungspositionen zu bekommen. Aber meine Bitte an alle Frauen da draußen lautet: Werdet auch selbst aktiv und wartet nicht darauf, dass euch irgendjemand fragt, ob ihr Karriere machen wollt.


Welche Frage möchten Sie uns für unsere nächste Interview-Partnerin mitgeben?

Thews: Wenn Ihre Tochter jetzt in der Entscheidungsphase wäre, wo entwickele ich mich beruflich hin: Welche Branche würden Sie Ihrer Tochter für die Zukunft empfehlen?

Vielen herzlichen Dank für Ihre Zeit und das Interview, Frau Thews.

 

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