Beim Bau von Rechenzentren spielt Beton an zahlreichen Stellen eine Rolle, vom Tragwerk bis zur unterirdischen Infrastruktur. Gleichzeitig gewinnen Fragen rund um CO₂-Emissionen, Kreislaufwirtschaft und einen verantwortungsvollen Umgang mit Ressourcen an Bedeutung. Im eco Interview erläutert Jens Franz von Finger Stockstadt GmbH & Co. KG, welche Entwicklungen den Baustoff prägen, welche Ansätze zur Emissionsreduzierung bestehen und wie sich auch das Regenwassermanagement intelligenter gestalten lässt.
Was zeichnet den Einsatz von Beton im Rechenzentrumsbau aus und worauf kommt es bei der Planung und Umsetzung besonders an?
Der Einsatz von Beton im Rechenzentrumsbau bietet unschlagbare Vorteile für den Schutz hochsensibler IT-Infrastrukturen. Bei der Planung kommt es auf extreme Belastbarkeit und Schutzfunktionen an, dies gilt sowohl für das oberirdische Tragwerk als auch für kritische Bauteile im Tiefbau. Ein zentrales Merkmal im Hochbau ist die extreme Tragfähigkeit des Materials: Massiver Stahlbeton trägt problemlos die enormen Lasten von Server-Racks und Kühlanlagen, die im Betrieb oft weit über 1.500 kg/m² betragen. Darüber hinaus garantiert die Bauweise ein Höchstmaß an physischer Sicherheit und stabilisiert dank ihrer hohen thermischen Speichermasse zugleich das Innenklima. Im Tiefbau schützen unterirdische Kabelkanäle, Schachtbauwerke und Rohrleitungen aus Beton die Energie-, Daten- und Ressourcenversorgung, während Rückhaltebecken und Löschwasserbehälter das Wasser- und Havarie-Management unterstützen.
Der CO₂-Fußabdruck von Gebäuden wird zunehmend über den gesamten Lebenszyklus betrachtet. Welche Möglichkeiten gibt es, die Emissionen von Betonbauteilen bereits in der Bauphase zu reduzieren?
Als Hersteller von Betonfertigteilen ist das Thema der Emissionen (Scope 3) für uns sehr wichtig und aktuell gibt es neben der Optimierung bestehender Rezepte durch die Anpassung einzelner Bestandteile die Möglichkeit, die Bilanz nicht unerheblich zu senken. Das war uns aber nicht genug und wir haben mit next.beton einen Beton ohne Zement entwickelt. Bauteile wie Rohre und Schachtunterteile sind bereits durch das DIBt zertifiziert und es gibt auch schon Projekte, bei denen diese Produkte zum Einsatz kommen. Wichtig zu betrachten ist jedoch auch, was nach dem Lebenszyklus passiert, denn diese Gebäude werden für die nächsten Jahrzehnte gebaut. Beim dauerhaften Verbleib von Bauteilen im Erdreich überzeugt Beton durch seine mechanische und chemische Stabilität sowie seine hohe Belastbarkeit, Lagestabilität und Langlebigkeit. Sollte das Bauwerk schließlich nach Jahrzehnten zurückgebaut werden, lässt sich Beton kreislaufwirtschaftlich recyceln und beispielsweise als Gesteinskörnung im Straßen- oder Hochbau wiederverwerten. Neue Verfahren erproben darüber hinaus die Aufspaltung in seine Ursprungsbestandteile.
Neue Materialien und Herstellungsverfahren können Beton klimafreundlicher machen. Welche Rolle können zementfreier Beton, CO₂-reduzierter Bewehrungsstahl und neue Konstruktionsweisen dabei spielen?
Übertragen auf unsere Bauteile können wir nach heutigem Stand bereits immense Einsparungen ermöglichen, wenn der Kunde dies möchte. Sei es durch die Optimierung von Rezepten hinsichtlich des Zement-Anteils oder den Einsatz von next.beton mit ca. 69 Prozent Einsparung beim reinen Beton sowie Bewehrungsstählen aus modernen Produktionsstandorten mit nachgewiesenen 400 bis 600 kg CO₂/t anstelle von ca. 1.500 CO₂/t aus gewöhnlicher Herstellung. Querschnitte der Bauteile werden in Abstimmung mit den Planungsstellen immer an die Gegebenheiten vor Ort angepasst und technisch optimiert, selbstverständlich im Bereich der gültigen Normen und Gesetze. Mit unserer Entwicklung wollen wir aber bewusst nicht nur die Verbesserung in einzelnen Punkten anstreben, sondern unsere Produkte möglichst nachhaltig gestalten und produzieren. Im besten Fall werden sie als Gesamtlösung mit intelligenter Steuerung eingesetzt, denn dann werden Synergien sichtbar und können sich in das Nachhaltigkeitsmanagement von Unternehmen und Kommunen einfügen.
Neben dem CO₂-Fußabdruck wird auch der Umgang mit Wasser für viele Standorte wichtiger. Welche Möglichkeiten bieten Betonbauwerke für die Speicherung und Nutzung von Regenwasser und wie lässt sich dieses Potenzial durch intelligente Steuerung besser ausschöpfen?
Wasser ist unsere wichtigste Ressource, Betonbauwerke spielen durch ihre Robustheit und Formbarkeit eine zentrale Rolle in der modernen Schwammstadt-Infrastruktur, da sie das Auffangen, Speichern und Nutzen von Regenwasser direkt vor Ort ermöglichen. Zu den primären Speichermöglichkeiten gehören unterirdische Beton-Zisternen und Retentionstanks, die dank ihrer hohen statischen Belastbarkeit problemlos überfahrbar sowie absolut auftriebssicher sind. Das volle Potenzial dieser Speicherstrukturen lässt sich jedoch erst durch eine intelligente, digital vernetzte Steuerung wie calmar.one ausschöpfen, da klassische Zisternen bei plötzlichem Starkregen oft schon gefüllt sind und überlaufen, oder bereits leer. Unser System koppelt die Speicherautomatik mit Echtzeit-Wettervorhersagen, sodass das System vor einem Unwetter gezielt exakt so viel Wasser kontrolliert ablässt, wie für das erwartete Regenvolumen benötigt wird. Sensoren überwachen Füllstand und weitere Parameter, calmar.one steuert die dynamische Retention vollautomatisch, aber auch die Verbrauchsdaten des aufgefangenen Wassers werden analysiert um optimale Nutzung zu gewährleisten, somit steht immer die maximal verfügbare Menge an Brauchwasser zur Verfügung. Werden zudem mehrere Betonbauwerke innerhalb eines Campus digital zusammengeschaltet, entsteht ein intelligentes Netzwerk, das drohende Überlastungen erkennt und Wassermengen flexibel in freie Kapazitäten benachbarter Gebäude umleitet oder beispielsweise auch einer Kommune für die Beregnung des Stadtparks zur Verfügung stellen kann.
Nachhaltigkeit muss zunehmend mess- und vergleichbar werden. Welche Bedeutung haben belastbare CO₂-Daten für Betonbauteile und wie können sie Bauherren und Planern dabei helfen, Scope-3-Emissionen bei Rechenzentren und anderen Gebäuden gezielt zu berücksichtigen?
Planungsbüros und Bauherren stoßen bei der praktischen CO₂-Minderung auf strukturelle Hürden, da theoretische Best-Practice-Konzepte oft an Lieferketten oder Statikfragen scheitern oder der Zugang zu relevanten Herstellern oder Kontaktpersonen nicht gegeben ist. Für uns als Hersteller ist es wiederum schwierig, frühzeitig die richtigen Ansprechpartner zu finden, da im operativen Geschäft die Planung häufig bereits weit fortgeschritten und nur noch bedingt anpassbar ist. Nachhaltigkeits- und Gebäudezertifizierungen sowie valide EPDs sind eine gute Orientierung und Leitlinie für alle Parteien. Zudem fängt Nachhaltigkeit immer im Kopf an und sollte als Überzeugung gelebt werden, denn dann besteht grundsätzlich das Bestreben, Arbeitsweisen, Gewerke und Prozesse ehrlich zu beleuchten, zu analysieren und im besten Fall zu optimieren. Umso wichtiger sind Systeme wie calmar.one, die zusätzlich einen direkten Nutzen und eine Kostenersparnis über den gesamten Lebenszyklus des Gewerks für unsere Kunden bedeuten.


