EN 50600 – Bestehende Widersprüche sollen aufgehoben werden

EN50600 – Bestehende Widersprüche sollen aufgehoben werden

 
Interview mit Marc Wilkens zur neuen LocalTalk-Staffel „Data Center Life Savers“
 

Die Rechenzentrumsnorm EN 50600 schafft Fakten für den Bau und Betrieb von Rechenzentren. Was hinter dem Versuch der Vereinheitlichung steckt und welche Folgen bei einer Nichtbeachtung drohen, erklärt Marc Wilkens im Interview.

Der Leiter der eco Kompetenzgruppe Data Center Efficiency ist selbst Mitglied im Normungsausschuss.
 

Herr Wilkens, die nächsten drei Teile der Rechenzentrumsnorm EN 50600 stehen vor der Veröffentlichung. Worum geht es darin inhaltlich?

Der Teil 50600-2-4 „Verkabelung“ wurde im Juli als Normteil veröffentlicht. Dieser Teil befasst sich mit der informationstechnischen Verkabelung im Rechenzentrum (RZ), beispielsweise für Speichernetze (SAN) und lokale Netze (LAN). Aber auch die Verkabelung zur Gebäudeautomation sowie die Anforderungen an Kabelwege, Räume und Schaltschränke sind hier beschrieben. Die Anforderungen an Sicherheit und elektromagnetische Verträglichkeit (EMV) gehören nicht zum Anwendungsbereich der EN 50600 und werden von anderen Normen und Vorschriften behandelt.

Die beiden Normteile -2-5 „Sicherungssysteme“ und -3-1 „Management und Betrieb“ werden voraussichtlich bis Ende des Jahres veröffentlicht. Hier geht es zum einen um die Themen Zutrittskontrolle (technisch und organisatorisch), Branderkennung und -bekämpfung, zum anderen werden Strategieprozesse, Betriebsmanagement, Störfallmanagement, Sicherungsmanagement, Kundenmanagement, aber auch die Überwachung von Kennzahlen wie beispielsweise dem PUE-Wert und nicht zuletzt das Energiemanagement im RZ-Betrieb gefordert.
 

Was unterscheidet die EN 50600 grundsätzlich von anderen Normen?

In der EN 50600 werden zum ersten Mal in einer Norm alle Gewerke eines Rechenzentrums zusammengefasst. Damit werden erstmals die spezifischen Anforderungen der RZ-Planung und des RZ-Betriebs umfassend berücksichtigt. Die bisher bestehenden Widersprüche zwischen den verschiedenen Quasi-Standards – beispielsweise zum Thema RZ-Verfügbarkeit – sollen damit aufgehoben werden.
 

Sie selbst sind Mitglied im Normungsausschuss. Wie läuft die Arbeit dort ab; sprich, wie kommt die Norm praktisch zustande?

Im ersten Schritt wird eine „Normungsidee“ von einem nationalen Normungskomitee – in diesem Fall aus Deutschland – platziert. Anschließend folgt ein intensiver Abstimmungsprozess zwischen den betroffenen Fachgremien aller EU-Länder mit mehreren Abstimmungsrunden bis zum finalen Voting, in dem über die Annahmen des Normentwurfs als europäische Norm entschieden wird. In Deutschland ist der DKE die nationale Organisation für die Erarbeitung von Normen und Sicherheitsbestimmungen in den Bereichen Elektrotechnik, Elektronik und Informationstechnik.
 

Die Norm enthält eine ganze Reihe von Anforderungen und Empfehlungen, die alle Projektbeteiligte betreffen. Was ist, wenn diese beim Rechenzentrumsbau ignoriert werden?

Das RZ entspricht dann unter Umständen nicht den „anerkannten Regeln der Technik“. Eine Zertifizierung nach EN 50600 ist dann nicht möglich. Solange die Anforderungen der EN 50600 eingehalten werden, besteht – beispielsweise bei den sicherheitstechnischen Festlegungen der EN 50600 – juristisch eine tatsächliche Rechtsvermutung dafür, dass sie fachgerecht als „anerkannte Regeln der Technik“ umgesetzt sind. Wenn die Anforderungen der EN 50600 nicht eingehalten werden, muss der Nachweis für eine fachgerechte Umsetzung (beispielsweise bei Mängeln) nachträglich mit viel Aufwand von den Verantwortlichen erbracht werden. Die Haftungsfrage ist dann unter Umständen sehr ungewiss.