12.06.2018

Digitale Leistungsfähigkeit benötigt starke Infrastrukturen

Dr. Béla Waldhauser, CEO der Telehouse Deutschland GmbH, ist Sprecher der „Allianz zur Stärkung digitaler Infrastrukturen in Deutschland“. In deren Auftrag hat das Borderstep Institut die Bedeutung digitaler Infrastrukturen in Deutschland untersucht. Im Interview stellt Dr. Waldhauser einige zentrale Aussagen der Studie vor.

Herr Dr. Waldhauser, die Allianz spricht davon, dass die Rechenzentren das „Rückgrat der Digitalisierung“ bilden. Woran machen Sie diese Bedeutung fest?

Rechenzentren sind ein elementarer Teil der digitalen Infrastruktur. Hier werden Daten gespeichert, verarbeitet, ausgetauscht, gesendet und empfangen. Das ist die technische Seite. Aber auch wirtschaftlich gesehen sind sie echte Schwergewichte. Wie unsere gerade vorgelegte Studie belegt, werden jährlich mehr als acht Milliarden Euro in den Bau, die Modernisierung und in die IT von Rechenzentren hierzulande investiert. Und Rechenzentren sichern in Deutschland mehr als 200.000 Arbeitsplätze.

Wirtschaft ist ein gutes Stichwort. Wie sieht es denn mit der Wertschöpfung durch Rechenzentren aus?

Die Rechenzentren beteiligen sich gleich zweifach an der Wertschöpfung: Erstens sorgen der Bau, die Modernisierung und der Betrieb für eine Wertschöpfung bei Anbietern von IT-Software und -Hardware, Infrastrukturequipment sowie zahlreichen Dienstleistungsunternehmen.

Zweitens beteiligen sich Rechenzentren als Basisinfrastruktur der Internetwirtschaft an deren Wertschöpfung. Im Jahr 2015 hatte diese ein Marktvolumen von mehr als 70 Milliarden Euro. Für dieses Jahr werden schon mehr als 100 Milliarden Euro Umsatz erwartet. Und für die nächsten Jahre soll das Wachstum rund zwölf Prozent pro Jahr betragen.

Wenn Services aber künftig überwiegend aus der Cloud bezogen werden, warum ist es dann wichtig, dass der Cloud-Anbieter sein Rechenzentrum in Deutschland betreibt?

Wenn wir über Digitalisierung sprechen, dann sprechen wir neben den technischen Aspekten auch viel über Vertrauen. Dabei spielen auch räumliche Nähe und persönliche Kontakte eine Rolle. Das erleben wir gerade intensiv, wenn es darum geht, mittelständische Unternehmen von Cloud-Angeboten zu überzeugen. Ich bin mir sicher, dass wir, wenn wir beim hohen internationalen Tempo der Digitalisierung mithalten wollen, eine leistungsfähige Rechenzentrumslandschaft in Deutschland brauchen.

Wie sehen Sie den deutschen Rechenzentrumsmarkt im internationalen Vergleich?

In den Jahren 2014 bis 2017 wurden in Deutschland große zusätzliche Kapazitäten in Rechenzentren aufgebaut. Trotzdem nehmen Europas und auch Deutschlands Anteile an den weltweiten Rechenzentrumskapazitäten kontinuierlich ab.

Bisher galten der Austauschknoten DE-CIX und das deutsche Datenschutzrecht als Standortvorteile. Zumindest Letzteres verliert mit der europäischen Vereinheitlichung an Gewicht, hinzu kommen erhebliche Nachteile wie beispielsweise die immens höheren Stromkosten.

Deshalb fällt Deutschland auch in Europa zurück. Gemessen am Anteil der IT-Investitionen am Bruttoinlandsprodukt wird in Finnland im Durchschnitt jährlich fast doppelt so viel investiert, in den Niederlanden etwa 40 Prozent mehr als in Deutschland.

Wie lautet Ihre Botschaft an die Politik?

Wenn wir die digitale Leistungsfähigkeit des Wirtschaftsstandorts Deutschland sicherstellen wollen, benötigen wir eine starke Rechenzentrumsinfrastruktur. Aber weder in der Digitalen Agenda noch im neuen Koalitionsvertrag werden Rechenzentren überhaupt thematisiert. Die Bundesregierung sollte, ähnlich wie in den skandinavischen Ländern, den Niederlanden und Großbritannien, eine aktive Strategie für die Sicherung und den Ausbau der Rechenzentrumsinfrastrukturen in Deutschland erarbeiten.

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