- Kurz vor Vorstellung des Tech Sovereignty Package warnt die Allianz: Europa darf den Ausbau von Rechenzentren nicht durch neue Regulierung selbst ausbremsen.
- Praxisferne Effizienz- und Standortvorgaben schaffen keine digitale Souveränität, sondern neue Investitionsrisiken.
- Entscheidend sind jetzt schnellere Genehmigungen, planbare Netzanschlüsse und ein Labeling, das Standortrealitäten berücksichtigt.
Berlin, 01.06.2026 – Die unter dem Dach von eco – Verband der Internetwirtschaft e. V. gegründete Allianz zur Stärkung digitaler Infrastrukturen warnt im Vorfeld der erwarteten Veröffentlichung des europäischen Tech Sovereignty Package, am Mittwoch vor einer regulatorischen Fehlsteuerung beim Ausbau von Rechenzentren. Das Ziel der Europäischen Kommission, die Rechenzentrumskapazitäten in der EU bis 2032 zu verdreifachen, ist aus Sicht der Allianz nur erreichbar, wenn neue Initiativen konsequent aufeinander abgestimmt sind und Investitionen ermöglichen und nicht zusätzliche Hürden für den Ausbau digitaler Infrastrukturen aufbauen.
„Europa muss seine infrastrukturelle Basis für digitale Souveränität stärken und hierfür entsprechend positive Rahmenbedingungen schaffen“, sagt Volker Ludwig, Sprecher der Allianz zur Stärkung digitaler Infrastrukturen. „Wenn vorschnell praxisferne Effizienzvorgaben, faktischen Standortvorgaben und damit zusätzliche Investitionsrisiken eingeführt werden noch bevor ein einheitliches Labeling eingeführt und getestet wurde, wird das Ziel, KI- und Rechenzentrumskapazitäten zu verdreifachen, nicht erreicht. Dann schafft Europa Transparenz und Effizienz auf dem Papier, aber keine zusätzlichen Kapazitäten im Markt.“
Die Allianz unterstützt grundsätzlich mehr Transparenz über Energieeffizienz, Wasserverbrauch und den Einsatz erneuerbarer Energien. Kennzahlen wie Power Usage Effectiveness, Water Usage Effectiveness und Renewable Energy Factor können einen Beitrag zu Vergleichbarkeit und Nachhaltigkeit leisten. Voraussetzung dafür sind jedoch klar harmonisierte Definitionen, einheitliche Berechnungsmethoden und eine realistische Abbildung regionaler Unterschiede. Klimatische Bedingungen, verfügbare Netzkapazitäten, Wasserverfügbarkeit und lokale Infrastruktur entscheiden maßgeblich darüber, welche Effizienzwerte an einem Standort technisch und wirtschaftlich erreichbar sind. Man wird in der Praxis daher schnell feststellen, dass eine One-Size-fits-all-Lösung kontraproduktiv ist.
„Ein Label, das Standortrealitäten ignoriert, wird nicht zu mehr Nachhaltigkeit führen, sondern zu negativen Marktverzerrungen führen“, so Ludwig. „Rechenzentren in wärmeren Regionen oder an infrastrukturell schwierigen Standorten dürfen nicht durch schematische Kennzahlen abgewertet werden. Europa braucht ein Label, das Transparenz schafft, kein nicht aussagekräftiges Ampelsystem, das Investitionen in dringend benötigte digitale Infrastruktur abschreckt.“
Besonders kritisch sieht die Allianz mögliche Anforderungen an Strombezugsmetriken. Eine faktische Verpflichtung zu zeit- und ortsgenauen Herkunftsnachweisen mit sehr hoher Granularität wäre angesichts der derzeit begrenzten Marktverfügbarkeit entsprechender Zertifikate kaum praktikabel. Sie könnte Beschaffungskosten deutlich erhöhen, die Liquidität der Märkte für erneuerbare Energien belasten und zusätzliche regulatorische Komplexität schaffen. Aus Sicht der Allianz müssen Anforderungen an Herkunftsnachweise kohärent mit RED III bleiben.
Auch Abwärmenutzung und Netzdienlichkeit dürfen nicht pauschal verpflichtend werden. Beide Aspekte sind wichtig, aber hochgradig standortabhängig und im Falle von Netzdienlichkeit auch abhängig vom Geschäftsmodell. Ob Abwärme tatsächlich genutzt werden kann, hängt von Wärmenetzen, Abnehmern, technischer Machbarkeit und Wirtschaftlichkeit vor Ort ab. Ebenso sind Rechenzentren auf einen kontinuierlichen, unterbrechungsfreien Betrieb ausgelegt und können Lasten nicht beliebig verschieben, ohne Servicequalität oder vertragliche Verpflichtungen zu gefährden, dies gilt insbesondere für Colocation-Rechenzentren.
„Wer aus freiwilligen Kennzahlen schrittweise faktische Pflichten macht, verschiebt die Debatte vom Ausbau zur Verhinderung“, sagt Ludwig. „Nachhaltigkeit braucht praktikable Regeln. Sie braucht keine Vorgaben, die Betreiber für Infrastruktur verantwortlich machen, die außerhalb ihres Einflussbereichs liegt.“
Der zentrale Engpass für neue Rechenzentrumskapazitäten bleibt der schnelle und planbare Zugang zu Energie und Netzanschlüssen. Langwierige Genehmigungsverfahren, fehlende Flächen, unklare Anforderungen an Abwärme und zusätzliche Berichtspflichten gefährden die Investitionssicherheit zusätzlich. In Deutschland können Planungs- und Genehmigungsprozesse für Rechenzentren einschließlich Bauleitplanung und Umweltgenehmigungen mehrere Jahre dauern. Für internationale Investoren ist das ein sehr negatives Standortsignal.
Die Allianz fordert deshalb, Gesetzgebung konsequent auf praxistaugliche Umsetzung auszurichten: schnellere Genehmigungen, priorisierte Netzanschlüsse für strategisch relevante digitale Infrastrukturen, ausgewiesene geeignete Flächen und ein technologieoffenes, evidenzbasiertes und in Europa einheitliches Labeling. Mindeststandards und neue Grenzwerte dürfen erst diskutiert werden, wenn ausreichend belastbare Betriebsdaten aus dem europäischen Reporting-System vorliegen.
„Die entscheidende Frage ist nicht, ob Europa mehr digitale Infrastruktur braucht. Die Frage ist, ob Europa bereit ist, sie auch zu ermöglichen“, so Ludwig. „Wenn das Tech Sovereignty Package Rechenzentren vor allem als Regulierungsproblem behandelt, wird Europa seine digitale Souveränität nicht stärken. Dann entstehen die KI- und Cloud-Kapazitäten, die wir brauchen, woanders.“
Über die Allianz zur Stärkung digitaler Infrastrukturen
Die Allianz zur Stärkung digitaler Infrastrukturen ist ein Zusammenschluss führender Unternehmen der Branche. Die 2018 unter dem Dach von eco – Verband der Internetwirtschaft e. V. gegründete Initiative will durch den Dialog mit Politik und Öffentlichkeit auf die Bedeutung digitaler Infrastrukturen für den Wirtschaftsstandort Deutschland aufmerksam machen.


